Abstraktion in Blau und Rot

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Plattform für Kunst und Lyrik

Neu in Ö1: "Blaue Stunde"

Für alle Techno- und Bürokrat:innen kurz zusammengefasst: BLAUE STUNDE ist eine Plattform für Kunst und Lyrik in Ö1. Jedenfalls ist es ein metamoderner Lichtblitz in der Dunkelheit der Ängste und Sorgen des früheren 21. Jahrhunderts.

Dale Bartholomew Cooper, Special Agent des Federal Bureau of Investigation (FBI), muss sich in Folge elf der zweiten Staffel von "Twin Peaks" rechtfertigen, warum er eigenwillig und ohne Absprache Dienstanweisungen ignoriert hat: "Ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht und ich fange allmählich an, über den Rand des Spielbretts hinwegzusehen. Auf das Spiel im Ganzen. Die Geräusche, die Wind macht, wenn er durch Wipfel weht. Die Wahrnehmungswelt der Tiere. Was wir hinter der Finsternis fürchten und was hinter der Finsternis liegen könnte." Natürlich wird Cooper für verrückt gehalten. Wir aber greifen seine Gedanken auf. "Blaue Stunde" ist ein Format, das ungewöhnlich anders und neu ist.

Inmitten der bürgerlichen Dämmerung

Die "Blaue Stunde" ist ein Phänomen der atmosphärischen Optik während der Dämmerung. Der Zeitraum, in dem die Sonne sich etwa vier bis acht Grad unterhalb des Horizonts befindet. Die Stunde dauert meist nur 20 bis 40 Minuten, abhängig von Breitengrad und Jahreszeit. In den Tropen ist sie kürzer, näher an den Polen kann sie deutlich länger werden. Es handelt sich um eine spezielle Phase der "bürgerlichen Dämmerung", welche kurz vor Sonnenaufgang oder kurz nach Sonnenuntergang auftritt. Die Blaue Stunde ist das Ergebnis eines Zusammenspiels von Lichtstreuung an Luftmolekülen und selektiver Absorption durch Ozon, wenn die direkte Sonneneinstrahlung unter dem Horizont verschwindet.

Die Bezeichnung "bürgerliche Dämmerung" finden wir - das "Blaue Stunde"-Team - lustig und anregend. Für Sendungsproducerin Elisabeth Zimmermann ist die "Blaue Stunde" ein Dazwischen, ein zarter fast unmerklicher Wechsel, eine besondere Stimmung und Zeit zum Zuhören. Lyrik-Redakteur Philip Scheiner erwartet sich davon tunlichst mehr als fifty shades. Kunst-, Kultur und Architekturfachfrau Anna Soucek verwendet den Begriff im Alltag häufig. Für mich persönlich hebt sich, philosophisch und kulturwissenschaftlich betrachtet, mit der "Blauen Stunde" buchstäblich der Horizont - als Übergang von "oft zu viel" ins Nichts, das viel sein kann.

Auch Gottfried Benn ("Ich trete in die dunkelblaue Stunde") und Ingeborg Bachmann ("Dann ein Mondsignal, und der Wind steht still") haben sich an dem Phänomen abgearbeitet. Thema ist diffuses Licht, und das ist erstaunlicherweise auch im Radio möglich.

In der ersten Sendung, am 2. März, beschwören Hannah Hinsch und Juri Baumgartner (Club der Harmonie!), die Klangkünstlerin Isabella Forciniti und der Sound-Poetry-Artist Jörg Piringer die Thematik. Im "Blaue Stunde"-Magazin, am 9. März, gibt es "Lyrische Ausflüge" zu fremdsprachiger Dichtung, die Glosse "Lässig to be", wo Hypes und Trends der Kunstszene hinterfragt werden, und natürlich das "Das aktuelle Gedicht", das, notabene, auch tagesaktuell sein kann.

Im Mentor:innenprogramm "Sprache-Kunst/Kunst-Sprache" werden Multiplikator:innen, wie Nicolas Mahler von der schule für dichtung, interessante künstlerische Positionen, wie von Lukas Meschik (16. März), vorstellen. Später im Frühlingsmonat März treffen Sound-Design-Studierende auf Autor:innen (23. März). Und Hanne Römer verschafft uns insgesamt die nötige Luft in ihrem L U F T stück der Forscherin (30. März).

Blaue Stunde: Michael Fischer und Semier Insayif

Musiker Michael Fischer und Schriftsteller Semier Insayif sind am 20. April zu Gast.

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Blau - so viel sei noch gesagt - ist eine Farbe und gehört niemandem: keiner Firma, keiner Institution, keinem Verein, keiner Partei und auch keinem Radiosender. Hierzu sei Ihnen noch ein Zitat aus "Twin Peaks" mitgegeben: "Man kann auch lächelnd die Zähne zeigen."

Gestaltung

  • Hans Groiss