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Musik
Friedrich Cerha zum Hunderter
Kaum eine Künstlerpersönlichkeit hat das österreichische Musikleben und die internationale Welt der Neuen Musik nach dem Zweiten Weltkrieg so lang, so nachhaltig und in so enormer historisch-stilistischer Breite mitgeprägt wie Friedrich Cerha: als Komponist und Dirigent, als Mitbegründer und Leiter von Ensembles wie die reihe. Am 17. Februar jährt sich der Geburtstag des beudetenden, 2023 verstorbenen Künstlers zum 100. Mal.
16. Februar 2026, 15:24
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"Da könnt’ ja jeder Wüstelverkäufer daherkommen": So kanzelte der zuständige Ministerialrat im Jahr 1958 den 32-jährigen Friedrich Cerha ab, als dieser um Unterstützung von öffentlicher Hand ansuchte - für jenes von ihm und Kurt Schwertsik neu gegründete Ensemble, das als "die reihe" dennoch Musikgeschichte schreiben sollte. Trotz dieser Abfuhr. Von den folgenden kompositorischen Großtaten aus eigener Werkstatt ganz zu schweigen.
Exemplarische Multiperspektivität
Eine Szene wie diese macht begreiflich, warum Cerha etwa ein gutes halbes Jahrhundert später, anlässlich der Verleihung des Musikpreises Salzburg 2011, bei aller gebotenen Freude auch nachdenklich reagiert hat. Das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst und den Goldenen Löwen der Musik-Biennale in Venedig hatte er damals schon in der Tasche, der Ernst von Siemens Musikpreis sollte im Jahr darauf folgen.
"Auf unspektakuläre, dabei gleichzeitig radikale Weise", um aus der Begründung der Salzburger Jury zu zitieren, "verkörpert er eine für die Kunst der Moderne exemplarische Multiperspektivität. Kompositionstechnisch vereint sein Werk avantgardistische Techniken der Nachkriegszeit mit älteren Verfahren und Materialien, die dabei ganz neu behandelt werden."
Cerha freilich meinte damals, dass er all diese Auszeichnungen und Preisgelder viel eher in seiner Jugend gebraucht hätte, in den Zeiten seines mutigen Eintretens für das Neue, jedenfalls viel eher als jetzt. Jedoch, so setzte er verschmitzt hinzu, und dabei blitzte der tatsächlich wienerische Geist seiner Keintaten auf: "Aller Abbrüche des Alters zum Trotz ist mir eine Eitelkeit erhalten geblieben, die mir jetzt Genugtuung verschafft."
Prägende Figur
Das erheiterte, aber es saß auch. Denn auf Friedrich Cerha und seine Pointen im weitesten künstlerischen Sinn hat man hierzulande gehört, bald schon, über anfängliche Hürden hinweg: auf das, was er selbst komponiert, und auf das, was er von anderen zum Klingen gebracht hat. Kaum eine Künstlerpersönlichkeit hat das österreichische Musikleben und die internationale Welt der Neuen Musik nach dem Zweiten Weltkrieg so lang, so nachhaltig und in so enormer historisch-stilistischer Breite mitgeprägt wie er: als Komponist und Dirigent, als Mitbegründer und Leiter von Ensembles wie "die reihe" und "Camerata Frescobaldiana", für deren Konzerte er auch Alte Musik edierte, als Mittelschullehrer und zuletzt Professor an der Wiener Musikhochschule, wo er mehreren Generationen entscheidende Impulse für ihr schöpferisches und nachschöpferisches Leben mitgegeben hat.
Friedrich und Gertraud Cerha
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Breites Oeuvre
Cerhas kompositorisches Schaffen reicht von großen Bühnenwerken bis hin zu intimer Kammermusik und Solostücken. Dabei erweist er sich auch für heutige Ohren in unverminderter Intensität als Unangepasster, begabt mit einem ausgeprägten Sensorium sowohl für gesellschaftliche Bedingungen, Auswirkungen und Missstände als auch für die rein technischen wie auch die ideologischen Probleme der Gegenwartsmusik. Mittendrin zu stehen und dennoch von außen zu beobachten und zu lauschen: Diese Fähigkeit klingt einem aus Cerhas Werken deutlich entgegen.
Das Verhältnis der Stimme eines Einzelnen zu den Äußerungen einer Gruppe hat den Komponisten schließlich sein ganzes Leben hindurch beschäftigt - ob in den Bühnenwerken "Baal" nach Bert Brecht, "Der Rattenfänger", "Der Riese vom Steinfeld" (Libretto: Peter Turrini) und sogar im buffonesken Spätwerk, der "musikalischen Farce" mit dem Titel "Onkel Präsident" nach einer einst von Billy Wilder verfilmten Molnár-Komödie. Genau genommen gilt das auch für die singuläre Stellung der Titelfigur in Alban Bergs unvollendeter Oper "Lulu", deren dritten Akt Cerha nach den originalen Skizzen "hergestellt" hat, wie die Partitur bescheiden vermerkt. Es zeigt sich aber auch in den rein instrumentalen Erkundungen der letzten Schaffensperiode, in denen oft Soloinstrumente verschiedenen Ensemblegrößen gegenübertreten.
Kein Angepasster
Diese Konstellation nimmt wohl in der Biografie Cerhas ihren Ausgangspunkt, im Erlebnis der Kriegsjahre, der Einberufung zur Wehrmacht 1944, seiner Desertion und dem Rückzug in die Tiroler Berge. Lieber Einsamkeit als Anpassung an den Schrecken, lieber dem eigenen Weg folgen als dem Trott der Massen in den Untergang - oder auch nur der Verlockung des Gelds: Das hat Cerha ein Leben lang beherzigt, weil er gar nicht anders konnte.
Ein epochales Monumentalwerk wie seinen Zyklus "Spiegel" (1960/61) hat er etwa ohne äußeren Auftrag geschaffen - vielleicht überhaupt sein Opus magnum, das jedenfalls mitgeholfen hat, die Neue Musik völlig neu auszurichten.
Vor drei Jahren, wenige Tage vor seinem 97. Geburtstag, ist Friedrich Cerha in Wien gestorben. Mögen etwa die Spiegel mittlerweile in ihrer Bedeutung erkannt worden sein, gibt es, hundert Jahre nach seiner Geburt, in seinem reichen Œuvre trotzdem noch vieles neu und wieder zu entdecken.
APA/AFP/Attila KISBENEDEK
György Kurtag
Ein Bruder im Geiste
Das gilt auch für Cerhas zwei Tage jüngeren Freund und Kollegen György Kurtág, der selbst im 100. Lebensjahr als Komponist und Lehrer noch aktiv ist. In seiner Biografie spiegeln sich die Brüche und Verwerfungen des Jahrhunderts noch direkter und heftiger wider: in der Herkunft aus der Vielvölkerregion des Banats, im Leben hinter dem Eisernen Vorhang in der kommunistischen Diktatur, in der gescheiterten Flucht nach Österreich im Zuge des ungarischen Volksaufstands 1956. Nach schwerer psychischer Krise begann Kurtág von Grund auf neu zu komponieren. Erst spät, in den 1980er Jahren, sollte man im Westen begreifen, wie exakt dieser Komponist Seelenregungen belauscht und sie mit der Präzision eines Miniaturmalers in Gebärden und Klänge versetzt, ihnen Kontur und Farbe verleiht.
György Kurtág und Friedrich Cerha: Ö1 spitzt zum doppelten "Hunderter" die Ohren für die Jahrhundertmusik dieser beiden Großen.
Gestaltung
- Walter Weidringer
