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1942–2026
Antonio Lobo Antunes: Der Chronist Portugals ist tot
Er zählt zu den großen portugiesischen Meistererzählern und galt jahrzehntelang als Kandidat für den Literaturnobelpreis. Heute wurde bekannt, dass Antonio Lobo Antunes im Alter von 83 Jahren verstorben ist. Seinen literarischen Durchbruch feierte der studierte Psychiater in den 1970er Jahren. Mit den Romanen „Elefantengedächtnis“ und „Der Judaskuss“, in denen er die Traumata der portugiesischen Kolonialkriege aufarbeitet, stieg der aus Lissabon stammende Autor auf Anhieb zur literarischen Größe auf.
5. März 2026, 17:51
Als Antonio Lobo Antunes 1979 das Parkett der literarischen Öffentlichkeit betritt, ist klar: Dieser Autor ist gekommen, um zu bleiben. Es ist eine Dekade, in der Literatur aus Lateinamerika boomt, der Magische Realismus aus der Feder von Autoren wie Gabriel Garcia-Márquez und Mario Vargas Llosa wird frenetisch gefeiert und auch die Texte des portugiesischen Psychiaters Antonio Lobo Antunes verschleifen Traum und Wirklichkeit, Wahn und Fiktion zu einem vielstimmigen, non-linearen Erzählstrom, dessen poetische Komplexität und Musikalität Publikum und Kritik verzaubert. Prosaisch sind hingegen die Äußerungen des mehrfach preisgekrönten Autors:
Es fällt mir schwer zu schreiben. Ich zwinge mich aber dazu. Fleiß ist entscheidend. Inspiration, das ist doch scheiße!
Monolog des Veteranen
Die Aura des literarischen Genies demontierte der Vielschreiber Antonio Lobo Antunes Zeit seines Lebens lustvoll. In seinem viel beachteten Debütroman „Elefantengedächtnis“, der 1979 publiziert wurde, heftet sich der Meistererzähler auf die Ferse eines namenlosen Psychiaters: Dieser wir von traumatischen Kriegserinnerungen heimgesucht, seine Ehe zerbricht, das von katholischen Ritualen geprägte Leben der portugiesischen Oberschicht wird mit feiner Klinge analysiert.
Wie in James Joyce Jahrhundertwerk „Ulysses“ wird ein einziger Tag aus Leben des namenlosen Protagonisten erzählt. Die zeitliche Konzentration des Erzählten wird durch ein polyphones motivisches Netz erweitert, in dem Vergangenheit und Gegenwart kunstvoll miteinander verwoben werden.
1942 wird Antonio Lobo Antunes als Spross einer privilegierten Ärztefamilie in der Nähe von Lissabon geboren. Er tritt in die Fußstapfen seines Vaters und besucht die medizinische Fakultät. „Das waren die Auserwählten Portugals, Aristokraten und Reiche. Und meine Familie gehörte dazu. Für sie war es schwierig, einen Sohn zu haben, der nicht dabei sein wollte, sondern ein Linker und Kommunist war.“, so der Autor.
Sohn aus gutem Hause
Während der faschistischen Salazar-Diktatur trat Antonio Lobo Antunes der Kommunistischen Partei bei und er landet im Gefängnis. Die Geschicke seines Landes werden auch seine weiteren Lebensjahre prägen: In den 1960er Jahren gerät die Macht des portugiesischen Kolonialreichs ins Wanken.
In Angola, in Mosambik und in Portugiesisch-Guinea wird der Ruf nach Unabhängigkeit immer lauter. Die geopolitischen Umbrüche der Epoche machen auch vor dem jungen Arzt Antonio Lobo Antunes nicht Halt. Mit Ende 20 wird er als Militärarzt nach Angola geschickt und kehrt 1973 traumatisiert zurück.
Ich habe 27 Monate im Krieg verbracht und habe das Töten und das Sterben miterlebt. Ich wurde verletzt und habe immer nur an eines gedacht, das Morgen zu erleben. Mein Horizont war der morgige Tag.
Nach seinem großen Erfolg mit dem Debüt „Elefantengedächtnis“ folgte ebenfalls im Jahre 1979 Antonio Lobo Antunes zweiter Roman „Der Judaskuss“, darin greift der Autor Motive seines Erstlings auf und spinnt dieselben assoziativ weiter. Dreh- und Angelpunkt: der Monolog eines betrunkenen Veteranen. Mit seinem „Handbuch der Inquisitoren", erschienen 1996, legte Antunes eine poetische verbrämte Farce vor, in der die Abgründe von Portugals Eliten ausgeleuchtet werden.
Kriege, psychische Zerrüttung, Erinnerung und Traumata, das sind die großen Lebensthemen von Antonio Lobo Antunes, der als ewiger Literaturnobelpreisanwärter galt. Im Jahr 2000 wurde Antonio Lobo Antunes mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäischer Literatur ausgezeichnet. Nun ist der Autor im Alter von 83 Jahren verstorben.
