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1929–2026
Jürgen Habermas ist tot
Der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas ist tot. Er starb am Samstag im Alter von 96 Jahren in Starnberg, wie der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf die Familie mitteilte. Habermas zählte zu den wichtigsten Denkern der Gegenwart und war der politische Intellektuelle par excellence.
15. März 2026, 10:07
Die Karriere des Philosophen begann in den 1960ern. Seine Hauptwerke entstanden in Frankfurt am Main, wo er als Forschungsassistent am Institut für Sozialforschung bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno anfing. Er promovierte 1954 in Bonn mit einer Arbeit über den Philosophen Schelling (1775-1854). In Marburg habilitierte er sich 1961 mit "Strukturwandel der Öffentlichkeit", dieses Werk gilt bis heute als bahnbrechend und ist thematisch auch heutzutage hochaktuell: Habermas zeichnet darin die Grundlagen eines gesellschaftskritischen Denkens und Handelns nach, das demokratischen Traditionen verpflichtet ist.
1964 übernahm er Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt, den er zunächst bis 1971 innehatte - in der Zeit der Studentenproteste. In den 1970er Jahren arbeitete er an zwei Max-Planck-Instituten in Bayern, bevor er 1983 nach Frankfurt zurückkehrte. In seinen späten Lebensjahren lebte er am Starnberger See. Habermas war seit 1955 mit seiner Frau verheiratet und hatte drei erwachsene Kinder.
Ein Leitfaden für die moderne Gesellschaft
In seinem Hauptwerk "Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) entwarf Habermas eine Art Handlungsleitfaden für die moderne Gesellschaft. Seiner Theorie zufolge liegen die normsetzenden Grundlagen einer Gesellschaft in der Sprache. Als Verständigungsmittel ermögliche sie erst soziales Handeln. In "Erkenntnis und Interesse" (1968) stellte er heraus, dass es keine "objektive" Erkenntnis gibt. Sowohl in der Wissenschaft als auch in Politik und Gesellschaft sei sie abhängig vom jeweiligen Interesse.
Der am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geborene Habermas hat in jungen Jahren den Zweiten Weltkrieg erlebt. Die Erfahrung, unter einem kriminellen Regime gelebt zu haben, habe seine enorme Politisierung ausgelöst und sein Engagement für Demokratie begründet, glaubt Biograf Müller-Doohm. Dass Habermas stets "einen hohen Nachrichtenwert" hatte, erklärte Müller-Doohm so: "Weil dieser Mann immer wieder den geschützten Raum der Universität verlassen hat, um in die Rolle des streitbaren Debattenteilnehmers zu schlüpfen und auf diesem Wege Einfluss auf die Mentalitätsgeschichte dieses Landes zu nehmen."
Er verkörperte die Rolle des politischen Intellektuellen "quasi in persona", sagte Roman Yos: "Wann immer es um den Zustand nationaler Befindlichkeiten oder um die Gegenwart und Zukunft Europas schlecht bestellt schien, durfte man mit seiner öffentlichkeitswirksamen Wortmeldung rechnen."
"Er kann nicht, nicht politisch denken"
Studentenbewegung, Wiedervereinigung, NATO-Einsätze, Terrorismus, Stammzellforschung, Bankenkrise, Europa - seine Positionen zu solchen vieldiskutierten Themen in einem Schlagwort zusammenzufassen, würde der Differenziertheit seiner Argumentation nicht gerecht. Corona, der Ukraine-Krieg und der Nahost-Konflikt haben ihn in den letzten Jahren beschäftigt. "Er kann nicht, nicht politisch denken", betonte Yos.
Gemeinsam, sagen Kenner seines Werks, war stets ein positives Menschenbild und der Glaube an die Macht der Vernunft, an die Kraft des besseren Arguments. Schon zu seinem 80. Geburtstag hatte Habermas beschlossen, sein Archiv der Universität Frankfurt zu überlassen. Seit seinem 85. Geburtstag waren die Unterlagen für Wissenschafter zugänglich.
Text:apa
