Cent-Münzen im Geldbörserl

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Moment

Eingespart

Geld fehlt, es wird eingespart. Der Budgetpfad der österreichischen Regierung gibt den Weg vor: Das Budget soll konsolidiert werden und wegen der aktuellen Weltlage investiert man ins Bundesheer und in eine Industriestrategie. Christlichsoziale, Sozialdemokraten und Liberale sparen dafür im Bund mit den Ländern an allen Ecken und Enden, auch am Sozialstaat.

Zunächst die Symptome, dann ein Verdacht; Angst verdichtet sich; schließlich die Gewissheit: Leukämie. Es ist eine Erschütterung für dich selbst und für dein gesamtes Umfeld. „Von heute auf morgen stehen alle Dinge, alle Pläne völlig still“, sagt Mümtaz Karakurt von der NGO Migrare, nachdem er mit einem Klienten telefoniert hat, der sich in genau dieser Situation befindet.

Es gibt niemanden, der damit nicht überfordert wäre - Krankenstand, Langzeitkrankenstand, Versicherungen, Behördenwege, Sorgen um die Familie, ums Geld, zahllose Behandlungen, Schmerzen und dazu Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Aber die Katastrophe ist noch einmal eine ganz andere, wenn du die Sprache des Landes, in dem du lebst, nur unzulänglich sprichst und wenn du mit der Klaviatur der österreichischen Bürokratie fremdelst.

Für solche Fälle gibt es Migrare, eine Organisation, die seit 40 Jahren im Bereich Integrations-, Rechts- und Sozialberatung tätig ist. „Moment“-Mitarbeiterin Marina Wetzlmaier war mit dem Mikro vor Ort. Geschäftsführer Karakurt zählt nach seinem Telefonat auf, was jetzt wichtig ist: „Der Mann muss mit Informationen versorgt werden. Anträge müssen gestellt werden. Wir sind bestrebt, dass seine Frau den Job nicht verliert, weil er nicht mehr arbeitsfähig und auch im Alltag nicht mehr einsatzfähig ist, zum Beispiel um die Kinder abzuholen oder Ähnliches.“ Da kommt viel Arbeit auf Migrare zu. Arbeit kostet - die muss man sich als Gesellschaft leisten können und wollen.

Sparen am Sozialstaat

Aber Geld fehlt, es wird eingespart, zum Beispiel bei Migrare. Fünf Mitarbeiterinnen stehen vor der Kündigung, weil zwei Projekte vom Land Oberösterreich nicht mehr gefördert werden. Wobei: Das Geld fehlt natürlich nicht. Der Staat hat Geld, es ist nur die Frage, wie er es einsetzt. Der Budgetpfad der österreichischen Regierung gibt den Weg vor: Das Budget soll konsolidiert werden und wegen der aktuellen Weltlage investiert man ins Bundesheer und in eine Industriestrategie.

Christlichsoziale, Sozialdemokraten und Liberale sparen dafür im Bund mit den Ländern an allen Ecken und Enden, auch am Sozialstaat. In Wien wird ein Teil der warmen Mahlzeiten für Obdachlose eingespart. In ganz Österreich wird Arbeitslosen ein Zuverdienst verweigert - obwohl sie dadurch gerade so über die Runden kamen. Das sind nur zwei Maßnahmen von vielen. Der Wiener Caritas-Direktor Klaus Schwertner spricht von „Sparen im Panikmodus“ und warnt vor einem massiven Anstieg von Obdachlosigkeit.

Obdachloser auf dem Boden schlafend in Wien

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Was Einsparungen bedeuten

Einsparungen, das klingt immer so abstrakt. Bei Migrare bekommt man ein Gespür dafür, was es bedeutet, wie es sich anfühlt. Was, wenn niemand mehr dem Herrn mit Leukämie in seiner Not hilft?

Betroffen von den Einsparungen ist auch ein Migrare-Projekt für Frauen, es heißt „Nachbarinnen“, geleitet von Sabinde Schandl. Sie hat eine Klientin, 29 Jahre alt, aus Afghanistan, die seit drei Jahren getrennt von ihrem Mann mit zwei kleinen Kindern in Österreich lebt. Sie spricht wenig Deutsch, hat große finanzielle und psychische Belastungen. Schandl: „Sie braucht Unterstützung bei Behördenwegen und in der Alltagsorganisation. Gerade ist die Waschmaschine kaputt gegangen. "Wir können sie im Rahmen des Projekts Nachbarinnen nicht unterstützen, weil die Förderung des Landes dafür komplett gestrichen wurde." Eingespart halt.

Text: Simon Hadler

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