Miles Davis, 1967

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100. Geburtstag

Miles Davis - Der Jahrhunderttrompeter

Ö1 würdigt die Jazzlegende anlässlich seines 100. Geburtstags

Der legendäre Trompeter Miles Davis hat einmal gesagt, Jazz lasse sich mit vier Wörtern erklären: Louis Armstrong, Charlie Parker. Der "Modern Jazz", also alle Jazzstile ab 1945, lässt sich analog dazu mit nur zwei Wörtern beschreiben: Miles Davis.

Zeitloser Sound

An fast allen wichtigen Jazzentwicklungen bis in die 1980er Jahre hinein ist der vor 100 Jahren in Alton, Illinois, geborene Davis zumeist federführend beteiligt. Interessant wirkt im Zusammenhang mit der Polystilistik eines Miles Davis die Aussage eines Musikerkollegen, des Schlagzeugers Max Roach. Er meinte, Miles habe sein Spiel nie verändert, nur die Musik um ihn herum. Sein Sound ist auf jeden Fall zeitlos, seine Bedeutung als Katalysator und Taktgeber in der Entwicklung des Jazz ist unbestritten.

Bei Bebop, dem ersten modernen Jazzstil, ist Davis eher eine Nebenfigur. Der 18-jährige Miles, Sohn eines vermögenden Zahnarztes aus St. Louis, geht nach New York, um offiziell klassische Musik an der Juilliard School zu studieren. Eigentlich möchte er aber sein Idol Charlie Parker treffen. Ein Jahr später ist er dann auf wichtigen Aufnahmen von Parker zu hören. Miles Davis klingt schon damals anders, introvertierter als etwa sein Vorgänger in Parkers Band, Dizzy Gillespie. Das hat auch viel mit seinem Sound zu tun. Miles erzählt später in Interviews, sein erster Trompetenlehrer habe ihm geraten, mit möglichst wenig Vibrato zu spielen. "Zu zittern wirst du dann ohnehin anfangen, wenn du alt bist", habe dieser Lehrer sarkastisch gemeint.

Doch es ist nicht nur sein Klang. Ursprünglich versucht Miles, die überbordende Virtuosität und Leichtigkeit eines Dizzy Gillespie zu imitieren. Er scheitert daran und schafft so etwas Anderes, Neues. Zeit seines Lebens ist bei Davis das, was er gerade nicht spielt, genauso wichtig wie das, was er spielt.

Bahnbrechende Aufnahmen

Cool Jazz und Modale Jazz sind dann ideale Vehikel für seinen Sound und seine Ideen. Er macht 1949 bahnbrechende Comboaufnahmen mit dem Arrangeur Gil Evans. Fast 20 Jahre lang arbeiten die beiden immer wieder zusammen. Zehn Jahre später nimmt er dann "Kind of Blue" auf. Die Zeitlupenmusik dieses sehr erfolg- und einflussreichen Albums würde schon reichen, um Davis einen bedeutenden Platz in der Musikgeschichte zu sichern. Aber Miles Davis bleibt nicht stehen.

Mit seinem berühmten zweiten Jazzquintett lotet er in den 1960er Jahren die Abstraktionsmöglichkeiten des akustischen Jazz aus. Als am Ende dieser Dekade die intellektuelle Abstraktion seines Jazzquintetts nicht mehr weiterentwickelt werden kann, wendet sich Davis anderen Klängen zu. Elektronisches Instrumentarium, einfachere Rhythmen und Songstrukturen bringen neue Klangfarben und auch ein neues und jüngeres Publikum.

Comeback Anfang der Achtziger

Mitte der 1970er Jahre nehmen die Gesundheits- und Drogenprobleme überhand. Miles Davis zieht sich für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurück und feiert dann Anfang der Achtziger ein umjubeltes Comeback. Miles bleibt den elektronischen Fusion-Klängen treu, am Ende seines Lebens flirtet er dann auch noch ein wenig mit dem Hip-Hop. "Doo-Bop" wird 1992 ein Jahr nach seinem Tod veröffentlicht.

Über den Menschen Miles Davis ist im Zusammenhang mit seiner Musik viel und gern spekuliert worden. Unzählige Anekdoten zeichnen das Bild eines eher misanthropischen Menschen, der Frauen und sein großteils weißes Publikum verachtet haben soll. Von Stimmungsschwankungen und Depressionen wird berichtet. Er war wohl ein Mann mit vielen Facetten, im Guten wie im Schlechten. Große Musiker müssen nicht unbedingt großartige Menschen sein. Aber sie sind großartig in ihrer Fähigkeit, die Schönheit und den Schmerz zum Klingen zu bringen.

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