PICTUREDESK.COM/BRANDSTAETTER IMAGES/BARBARA PFLAUM
Ein vielschichtiges Radioporträt
Ingeborg Bachmann wäre 100
Ö1 feiert den 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann und das 50-jährige Bestehen des Ingeborg-Bachmann-Preises.
9. Juni 2026, 12:45
Zum Ö1 Schwerpunkt
Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann richtet Ö1 einen umfassenden Programmschwerpunkt aus - und würdigt damit eine der prägendsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Bachmann, 1926 in Klagenfurt geboren, verband in ihrem Werk poetische Sprachkraft mit philosophischer Präzision. Ihre Texte kreisen um Existenz, Identität und die Brüche ihrer Zeit - um Krieg, Macht, Geschlechterverhältnisse und die Verletzlichkeit des Menschen. Dabei gelingt es ihr, persönliche Erfahrung und historische Realität in eine Sprache zu übersetzen, die bis heute nachwirkt.
Früh geprägt von den Erlebnissen im Nationalsozialismus, entwickelte sie eine literarische Sensibilität, die das Private stets mit dem Politischen verschränkt. Nach dem Krieg führte ihr Weg nach Wien, später nach Paris und Rom. Sie bewegte sich im Kreis bedeutender Intellektueller, war mit Paul Celan verbunden und erlebte mit Max Frisch eine ebenso intensive wie konfliktreiche Beziehung. Schreiben wurde für Bachmann zur Existenzbedingung - und zum radikalen Versuch, Wirklichkeit sprachlich zu durchdringen. Ihr Roman Malina gilt bis heute als Schlüsseltext über Liebe, Gewalt und Ich-Zerfall und markiert einen Höhepunkt ihres literarischen Schaffens.
PICTUREDESK.COM/BRANDSTAETTER IMAGES/NORA SCHUSTER
"Radiokolleg" und "Hörspiel"-Klassiker
Ö1 würdigt dieses vielschichtige Werk nun in mehreren Genres und Formaten und macht die Aktualität der Autorin neu erfahrbar. Ein Highlight ist das vierteilige "Radiokolleg" (22.-25. Juni, 9.05 Uhr), gestaltet von Günter Kaindlstorfer. Es beleuchtet Leben und Werk Bachmanns im Licht aktueller Forschung und zeichnet das Bild einer Autorin, die zwischen Emanzipation und den Zwängen ihrer Zeit stand - existenziell wie künstlerisch. Dabei werden biografische Stationen ebenso sichtbar wie die inneren Konflikte, die ihr Schreiben antrieben.
Das "Ö1 Hörspiel" widmet sich gleich zwei Mal der großen Autorin: Am 20. Juni steht mit "Ein Geschäft mit Träumen" Bachmanns frühes, bis heute faszinierendes Radiostück auf dem Programm. Die Parabel eines Angestellten, der Träume gegen Lebenszeit eintauscht, ist eine beklemmende Reflexion über Anpassung, Sehnsucht und Selbstermächtigung - und wirkt in ihrer Grundidee überraschend zeitlos. Eine Woche später, am 27. Juni, folgt mit "Der gute Gott von Manhattan" ein weiterer Klassiker - in neuer Inszenierung von Elisabeth Weilenmann. Das Stück denkt radikale Liebe als gesellschaftliche Gefahr und verbindet poetische Intimität mit politischer Sprengkraft.
Bachmanns Bruder im Gespräch
Einen musikalischen Akzent setzt etwa eine Konzertaufnahme des Chorus sine nomine: "Frühling. Leeres Land" ("Zeit-Ton", 21. Juni, 19.05 Uhr). Basierend auf einem frühen Bachmann-Text ("Die Karawane und die Auferstehung"), entsteht ein klangliches Szenario zwischen Leben und Tod, Vergänglichkeit und Hoffnung - ein eindringliches Echo der existenziellen Fragen, die Bachmanns Werk durchziehen und es bis heute so zugänglich machen.
Und am 26. Juni nehmen wir in der Sendereihe "Im Gespräch" eine besondere Perspektive ein und betrachten Bachmanns Leben und Werk aus der Sicht ihres Bruders Heinz Bachmann, der gemeinsam mit seiner Schwester Isolde den literarischen Nachlass betreut. Ein Gespräch über Erinnerungen, Verantwortung und die bleibende Bedeutung ihres Werks.
Das sind nur einige Highlights eines vielschichtigen Radioporträts, das zeigt, wie gegenwärtig Ingeborg Bachmann geblieben ist: als Autorin, die mit sprachlicher Radikalität, analytischer Schärfe und großer poetischer Kraft bis heute herausfordert - und berührt.
