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Sommerserie
Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser
Der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz hat nicht nur eine außergewöhnliche Stimme, sondern auch eine außergewöhnliche Fähigkeit, Texte erzählend zu lesen. In Ö1 wird er im Juli und August mit einem ebenfalls außergewöhnlichen Text zu hören sein: Waltz liest - oder besser gesagt - erzählt "Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser" von Ernst Gombrich.
14. Juli 2026, 11:52
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APA-IMAGES/AFP/ALBERTO PIZZOLI
Christoph Waltz
Ernst Gombrichs Kurze Weltgeschichte für junge Leser, längst als Klassiker gehandelt, ist ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes Buch. Verfasst in nur sechs Wochen von einem gerade einmal 25-jährigen Postdoc, wurde es ebenso schnell wie unerwartet zu einem enormen Erfolg, in mehrere Sprachen übersetzt, von den Nazis wegen pazifistischer Tendenzen verboten, gleichwohl bis zum heutigen Tag immer wieder neu aufgelegt (erst unlängst erschien bei Feltrinelli eine aktualisierte italienische Ausgabe).
Plädoyer für Toleranz, Frieden, Aufklärung und Emanzipation
Bemerkenswert ist zunächst einmal das Erscheinungsjahr 1935. Eine schwächliche, innerlich zerrissene austrofaschistische Diktatur ringt mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise, mit Massenarbeitslosigkeit und allgegenwärtigem sozialen Elend, weiß sich lediglich mit den Mitteln polizeilicher Unterdrückung und umfassender Zensur an der Macht zu halten. Und doch wird Gombrichs Werk, offensichtlich für politisch wenig relevant erachtet, weitgehend unbehindert publiziert; und so erscheint in Wien - ein Jahr vor der Emigration des Autors nach London - ein ebenso imposantes wie gewichtiges Plädoyer für Toleranz, Frieden, Aufklärung und Emanzipation. Denn das in erster Linie ist es, was Gombrich als seine vordergründig für Jugendliche gedachte „Weltgeschichte“ vorgelegt hat.
Hochkomplexe Sachverhalte nachvollziehbar und verständlich
Diese Intention, diese Grund- und Geisteshaltung - sie korrespondieren mit einer faszinierenden Sprachgewalt, mit einer Stilsicherheit und Ausdruckskraft, wie sie wohl nur dem jüdisch-assimilierten Wiener Bildungsbürgertum des Fin de Siècle und der Zwischenkriegszeit eigen war. Primär an jugendliche Adressaten gerichtet, ist diese Sprache einfach, aber keinesfalls reduziert und vermag hochkomplexe Sachverhalte nachvollziehbar und für den Laien verständlich darzustellen, in ihrer Substanz zu erfassen. Was aber keinesfalls bedeutet, dass der Gombrich’schen Methode und Zugangsweise nicht auch ihre augenfälligen Grenzen und Restriktionen gesetzt wären. Diese sind vornehmlich inhaltlicher Natur und zu einem Gutteil zeitgebunden, das heißt, notwendigerweise an den Wissens- und Forschungsstand der (vornehmlich deutschsprachigen) Historiografie Mitte der 1930er Jahre verwiesen.
Somit erklären sich das völlige Fehlen von Frauen- oder Alltagsgeschichte, die weitgehende Absenz von sozialgeschichtlichen oder außereuropäischen Thematiken, die meist unzureichende Berücksichtigung des für das historische Geschehen so konstitutiven Faktors der Ökonomie - auch wenn man, im Kapitel über die industrielle Revolution, kaum eine präzisere und kompaktere Darstellung der Arbeitswerttheorie eines Karl Marx oder David Ricardo finden wird. Und wenn - wie dies Gombrich im Fall der an Grausamkeit kaum zu überbietenden Eroberung großer Teile Amerikas durch die spanischen Conquistadores unternimmt - ein wohlgesetztes Schweigen vielleicht mehr zu erklären vermag als selbst noch die detaillierteste Darlegung des menschlich Abgründigen, so müsste, gerade in diesem Zusammenhang, sehr wohl auf die Flutung der europäischen Volkswirtschaften mit der amerikanischen Edelmetallbeute verwiesen werden: Ausgangspunkt dessen, was Adam Smith als Primitive Accumulation gefasst hat, also die Zerstörung von außereuropäischen Kulturen zum Aufbau einer europäischen ökonomischen und militärischen Dominanz.
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Ernst Gombrich
Von unschätzbarem Wert
Nun ist für Gombrich die eigentlich bestimmende Kraft der Geschichte in den Gehirnen und Vorstellungswelten der Eliten verortet. Zuerst entstehen die Ideen, die sich dann sozusagen materialisieren und das historische Geschehen vorwärtstreiben. Auch hier vermag er seine Zeitgebundenheit nicht zu durchbrechen, handelt es sich doch dabei um die dominante Zugangsweise, den kategorischen Imperativ gewissermaßen, der damaligen Geschichtswissenschaft.
Was er allerdings tut, ist von geradezu unschätzbarem Wert: diese an sich bekannten Dinge, die der Forschung bereits vorliegen, zu übersetzen in eine bildungspolitische Streitschrift im Sinne eines emanzipativen Weltbilds, das im Wesentlichen von der Renaissance, von der Aufklärung, von der Französischen und Amerikanischen Revolution bestimmt ist. Natürlich räumt der nachmalige Kunsthistoriker von Weltruf und langjährige Direktor des Londoner Warburg Institute den artifiziellen Schöpfungen der italienischen Renaissance oder den komplexen Ritualen symbolischer Unterwerfung am Hof des französischen Sonnenkönigs vergleichsweise breiten Raum ein (bei gleichzeitiger Nichterwähnung etwa der großen deutschen und österreichischen Bauernrevolten des frühen 16. Jahrhunderts oder des französischen revolutionären Sansculottentums).
Wie sich das Menschenbild grundlegend veränderte
Sein eigentlicher Impetus aber liegt darin aufzuzeigen, wie sich mit der Renaissance das Menschenbild und damit auch der Stellenwert des Individuums grundlegend veränderten. Die Forderungen nach methodischem Zweifel und prinzipieller Kritik an allem Althergebrachten, Tradierten, Überkommenen, die Emanzipation von rational nicht gerechtfertigten Autoritäten und Traditionen laufen zusammen mit einem Siegeszug der autonomen menschlichen Vernunft, mit einem Siegeszug der reinen, positiven Wissenschaften. In diesem Sinn durchzieht ein beinahe euphorischer Fortschritts- und Machbarkeitsoptimismus als Subtext die gesamte Schrift Gombrichs.
Doch stets, wenn das Alte, Überkommene, unzeitgemäß Gewordene noch mit aller Macht seine Dominanz zu behaupten gewillt ist und das Neue, Kommende, Erahnte oder in Ansätzen bereits real Gewordene zum Durchbruch dringt, sind Ausbrüche von individueller wie kollektiver Gewalt die notwendige Folge, kommt es zu Regression und Rückschlägen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen, mit Faschismus und Stalinismus geradezu undenkbare Dimensionen angenommen haben. Und dennoch, so Gombrich in einer sehr persönlichen, dem ursprünglichen Text kurz vor seinem Tod 2001 angefügten Rückschau, wird eine vernunftbegabte Menschheit diese Rückschläge in eine glücklichere Zukunft transformieren können. Wir wollen diese Hoffnungen angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage mit entsprechend skeptischem Optimismus teilen.
Text: Wolfgang Maderthaner, Historiker
