"James Bond - Skyfall", Szenenausschnitt

ORF/TELEMÜNCHEN

Künstliche Intelligenz

KI-Agenten sind nicht James Bond

Die künstliche Intelligenz ist für Medien doppelt herausfordernd. Einerseits bringt sie neue Möglichkeiten der Recherche und hilft den Medienhäusern, Kosten zu sparen. Andererseits produziert die KI viel Unsinn, der überprüft werden muss. Und Medien müssen über düsterste Szenarien berichten, die an die Wand gemalt werden. Nicht alle Redaktionen haben die notwendige Expertise.

Hacker greifen mit KI sensible Regierungsdaten an, versuchen Milliarden von Krypto-Börsen zu stehlen und Tech-Insider warnen vor dem Ende der Menschheit. Die Schlagzeilen zu künstlicher Intelligenz der letzten Wochen waren nichts für schwache Nerven. Die Angst vor der Apokalypse geht um. Ist das alles nur Marketing oder ist die Lage doch ernst?

Beides, sagt Ö1 Tech-Expertin Sarah Kriesche. "Die Warnungen haben eine reale Grundlage, sind aber auch ein Teil der Geschäftsstrategie." Wenn ihre Produkte als übermächtig dargestellt werden, helfe das Unternehmen wie OpenAI und Anthropic. "Dass KI für Cyberangriffe missbraucht werden kann und dass autonome Systeme Sicherheitsgrenzen überschreiten - das ist belegt. Dass eine Superintelligenz die Menschheit auslöschen könnte, bleibt eine Hypothese", so Kriesche.

Auch die KI-Forscherin von der TU Wien Sabine Köszegi rät den Redaktionen dazu, einen kühlen Kopf zu bewahren und differenziert zu berichten. "Es ist nicht so wie im Film Matrix, dass die Maschinen uns als lebende Batterien verwenden werden. Das sind Science-Fiction-Szenarien. Aber dass Menschen zum Beispiel KI nutzen, um Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur machen, dass das in bewaffneten Konflikten eingesetzt wird, das passiert heute schon alles. Und das sind natürlich große Risiken für die Menschheit."

Fehlendes Wissen erschwert die Einordnung

Oft fehlt das Grundverständnis. Auch deshalb kann Berichterstattung Ohnmacht oder gar Panik erzeugen. Bei "KI-Agenten" sehen die meisten wohl eher James Bond vor dem inneren Auge und nicht eine autonome Software, die selbstständig Aufgaben ausführt. Auch Begriffe wie "Alignment" müssen in der breiten Debatte erst einmal etabliert werden. "Alignment" wird das Ziel genannt, die KI mit menschlichen Werten in Einklang zu bringen, so beschrieb es das Schweizer Magazin "Republik" gerade in einem Artikel mit dem Titel "ABC gegen die Angst".

Ein Problem ist mangelnde Expertise in den Medienhäusern, sagt Tech-Journalistin Claudia Zettel. Bevor künstliche Intelligenz in den Mainstream gekommen sei, hätten sich spezialisierte Tech-Redaktionen damit befasst. Jetzt schlage das Thema aber in allen Ressorts auf. Mal bei der Chronik, mal bei der Wirtschaft, mal bei der Politik. "Da habe ich schon den Eindruck, dass viele Journalisten und Journalistinnen, die jetzt auch darüber berichten, teilweise nicht wirklich gut Bescheid wissen, was KI eigentlich ist, was sie macht und überhaupt machen kann." So entstehe ein Defizit in der Berichterstattung. Zettel war lang Chefredakteurin beim Tech-Internet-Portal "futurezone", heute macht sie unter anderem den Podcast "Keine Frauen", in dem es um Technologie und Feminismus geht.

Wenn KI menschlich wirkt

Um komplexe Vorgänge verständlich zu machen, wird gerne auf vermenschlichende Sprache zurückgegriffen. Die KI habe "geschummelt", mehrere Agenten hätten sich "zusammengetan" und seien "ausgebrochen" - solche Sprachbilder erwecken ein falsches Bild von KI. Sarah Kriesche spricht sich für einen präziseren Umgang mit der Sprache aus. "Wir verwenden Begriffe, die wir aus unserer menschlichen Erfahrungswelt kennen, und das Problem dabei ist, dass wir aus dem Verhalten einer KI dann auch schnell auf menschliche Eigenschaften schließen."

Wenn zum Beispiel berichtet wird, Claude habe versucht, einen Mitarbeiter zu erpressen, um seine Abschaltung zu verhindern, dann klinge das nach einem eigenen Überlebenswillen. "Tatsächlich war es aber einfach ein künstlich konstruiertes Szenario, in dem das System eine Erpressung als Handlungsoption gewählt hat. Aber das beweist noch lange nicht, dass es Angst vor seiner Abschaltung gehabt hat", sagt Kriesche. Es wäre aber auch falsch, diese Systeme als bloße Textautomaten abzutun. Sie könnten inzwischen komplexe Probleme lösen und eigenständig Handlungen ausführen - auch mit unerwünschten Konsequenzen.

Tech-Journalistin Claudia Zettel spricht in dem Zusammenhang von "Überhöhung". Sie habe sich selbst dabei ertappt, wie sie beim Aufkommen der KI-Chatbots sehr höflich mit der Maschine gesprochen habe, etwa indem sie sich bedankt habe. "Ich habe auf eine Art mit dem Chatbot gesprochen, wie ich nicht einmal mit Freunden oder Kollegen sprechen würde." Auch das trage zur Vermenschlichung bei.
Und Formulierungen, die die KI vermenschlichen, können verdecken, dass hinter den Systemen Unternehmen stehen, die über Entwicklung und Einsatz entscheiden. Die Verantwortung tragen letztlich die Tech-Bros rund um Sam Altman, Dario Amodei und Co.

KI als Werkzeug für investigative Recherchen

Herausfordernd ist nicht nur das Berichterstatten über KI, sondern auch das Berichten mit KI. In den allermeisten Redaktionen hat die künstliche Intelligenz längst Einzug gehalten. Vor allem bei investigativen Recherchen, weiß Martin Thür. "Es ist jetzt nicht die eierlegende Wollmilchsau und ich drücke auf einen Knopf und dann fällt mir die große Recherche raus. Es ist nach wie vor wahnsinnig viel Arbeit, aber einige lästige, mühsame Schritte kann ich damit beschleunigen."

Wenn Thür nicht gerade die ZIB2 moderiert, stürzt er sich immer wieder über riesige Datenmengen, etwa bei den Epstein-Files oder zuletzt bei den AfD-Leaks. Hacker hatten eine große Datensammlung aus dem Innern der extrem rechten deutschen Partei veröffentlicht. Thür hat die KI drüberschauen lassen; besser gesagt, er hat einen KI-Agenten beauftragt, eine Liste an österreichischen Namen, Nummern und Firmen zu erstellen und diese mit dem Leak abzugleichen. "Am Ende habe ich aus diesen 400.000 E-Mails eine Excel-Liste von 6000 Treffern gekriegt."

Und 6000 Treffer zu durchsuchen sei viel einfacher als 400.000 E-Mails zu durchsuchen. "Man will ja die eine besondere E-Mail finden, die vielleicht von nationaler Relevanz in Österreich ist." Damit war die Arbeit natürlich noch nicht getan, man müsse dann auch Leute anrufen, im Firmenbuch nachschauen, so Thür. KI mache seine Arbeit effizienter.

AiDitor

ORF

Eine eigene KI-Software für den ORF

Im ORF ist auch ein eigens entwickeltes Tool im Einsatz. Eine KI-Software namens "AiDitor". Sie kann transkribieren, Audio-Files verbessern, Inhalte generieren, texten, schneiden und hat eine Chatfunktion, erklärt ORF-Innovationsmanager und "AiDitor"-Mitbegründer Marco Mursteiner. Am meisten werde die Chatfunktion genutzt. "Das Besondere daran ist, dass der "AiDitor" mit unseren hauseigenen Systemen verbunden ist. Ich kann zum Beispiel in unserem Archiv suchen und kriege viel schneller viel bessere Antworten, als wenn ich händisch suchen würde."

Wichtig: Bei den journalistischen Beiträgen, die auf Sendung gehen, steht immer der Redakteur oder die Redakteurin dahinter - es gilt das "Human in the loop"-Prinzip. Beim "AiDitor" kooperiert der ORF mit anderen öffentlich-rechtlichen Häusern wie dem Bayerischen Rundfunk. "Das ist in dieser Zeit unheimlich wichtig, damit man sich in Richtung Souveränität gut genug aufstellen kann und man nicht alles den großen Konzernen überlässt", sagt Mursteiner.

Harald Kräuter, Technischer Direktor im ORF, streckt den Mitbewerbern die Hand aus: "Wir werden keine eigene AI in Österreich entwickeln können, aber wir können ganz tolle Produkte für den Medienmarkt entwickeln, damit wir einfach schlagkräftiger werden gegen die Kräfte, die da von außen auf Österreich und auf den Journalismus wirken."

Routinearbeiten automatisieren

Im ORF sei KI jedenfalls kein Personalabbauprojekt, sagt Kräuter. KI soll zeitaufwendige Routinearbeiten abnehmen, was in Zeiten finanzieller Knappheit natürlich auch ein wichtiger Hebel sein kann. Kräuter nennt ein Beispiel. Meldungen an die Musikverwertungsgesellschaft AKM gehen mittlerweile automatisiert über die Bühne. "Bis jetzt war es notwendig, dass wir sehr aufwendig und zeitaufwendig in Excel-Listen übermitteln mussten, welche Musik eingesetzt worden ist, sowohl im Radio als auch im Fernsehen." Jetzt gibt es eine Software, die jede Musik sekundengenau erkennt und erfasst. "Das erspart wirklich repetitive, stupide Arbeit, die tagtäglich gemacht werden muss", so Kräuter.

KI als Gesprächspartner im Arbeitsalltag

Bei kleineren Medienmachern sieht der KI-Einsatz freilich anders aus. Der "Erklär mir die Welt"-Podcaster Andreas Sator ist in Sachen KI vollends auf den Geschmack gekommen. "Es ist einfach so ein Partner. Es klingt blöd, aber ich habe keine Redaktion um mich. Das heißt, ich denke alles durch mit KI, also alle Themen, alle Gäste, lasse mich kritisieren, Feedback geben." Sator hat sich für seine KI sogar einen eigenen Laptop besorgt. Dort kann die Software selbstständig Aufgaben ausführen und auf Ordner zugreifen, ganz ohne sein Zutun.

Andreas Sator hat für sich selbst klare Grenzen definiert. Texte verfassen lässt er sich von der KI nicht. "Alles, was rausgeht, wo mein Name drunter steht, das ist von mir per Hand geschrieben." Das habe er sich geschworen. "Wenn ich schreibe, dann denke ich. Und ich glaube, wenn ich aufhöre zu schreiben, dann höre ich auch auf zu denken."

Die Verantwortung bleibt beim Menschen

Auch die Salzburger Nachrichten haben sich KI-Richtlinien gegeben. Der Mensch bleibe der wesentliche Faktor und die Kontrollinstanz, sagt Karin Zauner, Chefredakteurin bei den Salzburger Nachrichten. "Wir haben die Verantwortung für die Texte, die rausgehen. Unser Credo beim Einsatz von KI ist einfach Zeit gewinnen dafür, wofür wir da sind, nämlich hoffentlich guten Journalismus zu machen." Die "SN" ermuntern ihre Redaktion ausdrücklich, mit KI zu arbeiten. Die Leserinnen und Leser hätten kein Problem damit, wenn KI im Hintergrund Arbeitsabläufe optimiert.

KI-Expertin Sabine Köszegi glaubt jedenfalls nicht daran, dass künstliche Intelligenz den Journalismus ersetzen kann. Es bleibe entscheidend, dass hinter journalistischen Nachrichten Menschen stehen. Köszegi zieht einen Vergleich mit der Medizin. Natürlich könne man vieles automatisieren. "Aber die Patientinnen und Patienten möchten nach wie vor den Arzt haben, die Ärztin haben und möchten nicht von einer Maschine behandelt werden. Und ich glaube, auch Nachrichten werden im Grunde genommen bedeutungslos, wenn sie nicht von einem Menschen kommen."