Gedanken für den Tag
"Arbeiter-Bilder" von Johanna Schwanberg
29. April 2010, 06:57
Johanna Schwanberg ist Kunstkritikerin und Universitätsassistentin für Kunstwissenschaft und Ästhetik in Wien und Linz.
Arbeit und Aufstand
Eine Ansammlung ärmlich bekleideter Menschen in Rückenansicht. Die Menschenmenge steht vor einer hohen Mauer mit einem prunkvollen Eingangstor. Die Aufständischen haben Steine in den Händen, versuchen das Anwesen zu stürmen. Die Körperhaltung und die düstere Schwarzweißzeichnung lassen erahnen, wie wenig erfolgversprechend der Aufstand sein wird. 1894 hat Käthe Kollwitz diese Grafik mit dem Titel "Der Sturm" gefertigt. Es ist nur ein Blatt einer sechsteiligen Serie, in der sich die deutsche Expressionistin mit der Armut der Weber im 19. Jahrhundert, mit deren schlechten Einkommens- und Lebensbedingungen befasste. Sowohl das menschliche Leid als auch die niedergeschlagene Rebellion der schlesischen Handwerker im Jahr 1844 hat sie in einem ästhetisch komplexen Zyklus festgehalten. Inspiriert wurde sie dazu durch den Besuch von Gerhard Hauptmanns in Berlin damals uraufgeführtem Drama "Die Weber".
Käthe Kollwitz' Zyklus ist mehr als bloß ein visuelles Dokument der damaligen Arbeiteraufstände. Denn sonst würde er mich heute kaum mehr interessieren. Spannend ist nicht nur, dass diese politisch und soziologisch interessierte Künstlerin die Not der Arbeiter dargestellt hat, sondern vor allem, wie sie es gemacht hat. Im Unterschied zu anderen zeitgleichen, oft idealisierten monumentalen Arbeiterkampfgemälden, schafft sie mit ihrer schwarzweißen ausdrucksstarken Folge eine Direktheit, deren Wirkung man sich auch heute nicht entziehen kann. Wenn ich diese Blätter anschaue, so bekomme ich atmosphärisch etwas von der Problematik der Arbeiterkämpfe vermittelt, ohne auch nur eine Zeile darüber zu lesen.
Kunst kann zwar nicht direkt in Gesellschaft und Politik eingreifen, kann aber mit Formen und Farben, mit Linien und Strichen, öffentlich Unsichtbares sichtbar machen - und somit wesentlich zu gesellschaftspolitischen Prozessen beitragen. Käthe Kollwitz war sich der begrenzten Möglichkeiten bewusst, stellte ihre Kunst aber dennoch in den Dienst einer sozialen Sache. So sagte sie: "Ich bin einverstanden damit, dass meine Kunst Zweck hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind."
Service
Wenn Sie diese Sendereihe kostenfrei als Podcast abonnieren möchten, kopieren Sie diesen Link (XML) in Ihren Podcatcher. Für iTunes verwenden Sie bitte diesen Link (iTunes).
