Gedanken für den Tag
"Maria - der exemplarische Mensch" von Rainer Bucher
17. Mai 2010, 06:57
Von jeher wurde Maria, die Mutter des Jesus von Nazareth, in enge Beziehung gebracht zur Zeit sprießender Pflanzen, beginnender Fruchtbarkeit in der Natur und wachsender Lebensfreude. Deshalb wird Maria traditionell als "Maienkönigin" gefeiert.
Der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher freilich stellt sie in der Woche von 17. bis 22. Mai als anti-patriarchale Figur schlechthin vor. Maria steht für eine Menschheit, die gegen zerstörerische Zustände und Handlungen kämpft. Sie zeigt, so Bucher, was passiert, wenn sich ein Mensch auf Gott einlässt: Er wird stark. Aus einem kleinen jüdischen Mädchen wird die Mutter Gottes, aus einer ohnmächtigen Frau wird eine, die Mächtige vom Thron stößt.
An Jesus glauben, heißt an das glauben, was er verkündet hat und wofür er stand und starb. An Jesus glauben, heißt an seine Botschaft glauben. Diese Botschaft ist eigentlich ziemlich klar. Es ist eine Gottesbotschaft: Eine Botschaft von Gott und über Gott. Von welchem Gott?
Offenkundig von einem Gott, der in einer merkwürdigen Dialektik der Nähe und Distanz zu uns Menschen bleibt. Der seine Nähe verspricht, aber nicht als Sicherheit der Entdeckung, sondern als Sicherheit der Entdeckbarkeit. Dieser Gott kommt den Menschen nahe und schenkt ihnen dennoch oder gerade darin Freiheit, selbst vor ihm selbst. Das zentrale Kriterium aber, um diesen Gott der Freiheit in den vielen Phänomenen und Zeichen der Welt zu entdecken, ist, glaubt man der Bibel, die Fähigkeit zu solidarischem Mitleiden.
In den Worten des 1. Johannesbriefs: "Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner" (1 Joh 4,19). Vor dieser Botschaft wird alles zum Gericht. Vor dieser Botschaft, vor diesem Gott kann man nur bestehen, wenn Gott tatsächlich tut, was er von uns verlangt: Bedingungslos lieben.
Religiöse Praxis, die Menschen knechtet, die sie unfrei, krank und abhängig macht, ist nicht Nachfolge Jesu, denn sie missachtet seine Botschaft von Gottes unermesslicher Liebe. Religiöse Praxis, die Gott zu besitzen meint, scheitert am Gott Jesu. Denn sie missachtet die Botschaft von Gottes unermesslichem Geheimnis.
Religiöse Praxis, die meint, sie verwalte über Gottes Gnade, verfehlt den Gott Jesu. Denn sie missachtet die Botschaft von Gottes unermesslicher Barmherzigkeit. Gott ist Liebe, Geheimnis und Gnade.
Es gibt außer Jesus nur einen Menschen in der Bibel, der für diese Botschaft ohne jeden Abstrich steht. Das ist Maria.
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