Gedanken für den Tag
"Über das Glück" von Emmanuel J. Bauer
5. Juni 2010, 06:57
Emmanuel J. Bauer ist Philosoph in Salzburg.
Glücklich zu sein, ist wohl das tiefste und umfassendste Verlangen des Menschen. Alles, was wir sind, denken, fühlen und tun, schöpft im Letzten aus dem erhofften Glück seine Dynamik und Orientierung. Ist jeder selbst seines Glückes Schmied? Dieser Frage widmet sich der Philosoph Emmanuel J. Bauer.
Eine unglückliche Mentalität unserer Zeit ist die Gier, das Bestreben, immer mehr haben zu wollen (über das für ein gutes Leben Notwendige hinaus). Diese Form der Hab-Gier verhindert unser Glück. Denn sie versklavt den Menschen, macht ihn ruhelos und unzufrieden, lässt das Auge blind werden für die Schönheit des Lebens und vergiftet das Denken. Die Gier, zu haben, tötet die Fähigkeit und die Freude, zu sein.
Glücklich sein setzt voraus, da zu sein in seinem Leben und das Schöne, das im Hier und Jetzt steckt, wirklich zu genießen und auszukosten. Wer in Gedanken und mit seinem Wollen immer schon beim Kommenden ist, bei den anstehenden Aufgaben oder den noch erhofften Höhepunkten, der entleert den Augenblick und ist in seinem Leben nicht zu Hause. Bewusst erlebte angenehme Gefühle sind die tägliche Nahrung für einen dauerhaft hohen Glückspegel.
Damit das menschliche Leben in seiner Ganzheit als gut und sinnvoll empfunden werden kann, muss es auch eine gewisse kontemplative Dimension aufweisen. Denn die Stille ist der privilegierte Ort, an dem der Einzelne zu sich selber kommt, ihm das ihm Wesentliche aufleuchtet, die Welt und die eigene Person in ihrem Selbstwert erspürt wird und Nähe zum Seins- und Sinngrund des Ganzen aufgenommen werden kann. Man könnte auch sagen: In der Stille vollzieht sich eine Entfunktionalisierung des Daseins. Der Mensch kommt vom Ich in sein Selbst, quasi in das Zentrum seiner Person, das im Rahmen spiritueller Erfahrung auch als Ort der Gegenwart des Göttlichen wahrgenommen und erlebt werden kann. Durch das Annehmen dessen, was sich zeigt, kann das Eintauchen in die Tiefe des Inneren zu einem Ort werden, wo sich auch für Schweres und Leidvolles ein neuer Sinnhorizont eröffnet, sei es dass der Mensch das, was ist und wie es ist, versteht, oder sei es, dass er sich zur aktiven Stellungnahme oder zur aktiven Änderung des eigenen Existenzvollzug aufgefordert fühlt.
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