Gedanken für den Tag
"Jerusalem - Botschaften einer Stadt" von Wolfgang Treitler
8. Juli 2010, 06:57
Wolfgang Treitler ist Fudamentaltheologe an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
Jerusalem, die Stadt des Königs David, ist Hauptstadt Israels und von großer Bedeutung für Judentum, Christentum und Islam. Jerusalems Botschaften gingen stets auch die Welt etwas an und sind heute vielleicht aktueller denn je: Es sind Botschaften der Offenheit, der freien Tage und des religiösen Lebens. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer
Yad Washem
Vor 60 Jahren, im Juli 1950, wurde vom israelischen Parlament in Jerusalem das Gesetz beschlossen, dass jeder Mensch jüdischen Glaubens das Recht hat, in Israel zu leben. Im Jänner 1950 erklärte die Knesset Jerusalem zur Hauptstadt Israels.
Und 1953 schließlich beschloss man, im Westen Jerusalems die Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem zu errichten, die sich in ihrem Namen auf eine Stelle in Jes 56,5 bezieht, wo es heißt: Allen, die zu Israel gehören, aber auch allen denen, die entsprechend dem Bund des Ewigen mit Israel leben, "errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal und gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter." In Yad Vashem finden sich Millionen von Namen, denen in diesem Sinn ein Denkmal gesetzt wird: Vor allem die Namen der im sogenannten 3. Reich Vernichteten, aber auch die Namen derer, die gerecht waren. Wenn man einen der zentralen Wege in Yad Vashem, die "Allee der Gerechten", entlang geht, dann trifft man dort auf Namen von Menschen, die ihr Leben riskiert haben, als sie Juden versteckten oder ihnen zur Flucht halfen oder sie unter Decknamen beschäftigten.
Was man immer hört, wenn es um nichts oder nicht viel geht, wird in Yad Vashem sinnenfällig: Es war nicht nur möglich, es ist wirklich geschehen, dass man den Agitatoren, den Denunzianten, den Kollaborateuren, den Mördern widerstand - so wie es wirklich geschehen ist, dass Israel aus der Vernichtung kam und wieder erstand und Jerusalem sein Herz ist. Das ist alles handgreiflich real.
Und so leuchtet auch ein anderes Wort aus dem Jesajabuch plötzlich auf: "In Jerusalem findet ihr Trost. Ihr werdet es sehen und euch freuen." (Jes 66,13). Jerusalem lebt, ganz real; in Yad Vashem wird eine seiner Wurzeln bezeugt, ganz real - und damit auch eine hoffnungsvolle Perspektive, die aus dieser Erinnerung kommt: Jerusalem ist, so wie ich es verstehe, auch für nichtjüdische Menschen ein Versprechen, ein Versprechen des Friedens trotz allem, was ihn faktisch verhindert, ein Versprechen des Lebens, das kräftiger ist als der Untergang - ein Versprechen, dass beides immer möglich und notwendig ist und beides auch zusammengehört: Frieden und Leben.
Service
Wenn Sie diese Sendereihe kostenfrei als Podcast abonnieren möchten, kopieren Sie diesen Link (XML) in Ihren Podcatcher. Für iTunes verwenden Sie bitte diesen Link (iTunes).
