Gedanken für den Tag

"Zum 400. Todestag des Malers Caravaggio" von Johanna Schwanberg

Johanna Schwanberg ist Kunstkritikerin und Universitätsassistentin für Kunstwissenschaft und Ästhetik in Wien und Linz.

Er gilt als "Rockstar der Kunstgeschichte" - als verruchter, kompromissloser Künstler par excellence. Genial, zügellos, gewalttätig. Zugleich war seine unkonventionelle, sinnliche Malerei mit ihren dramatischen Licht- und Schatteneffekten lange in Vergessenheit geraten. Wie kaum ein zweiter ist der barocke Meister der Lichteffekte seit seinem Tod am 18. Juli 1610 von zahlreichen Mythen umgeben. Die "Gedanken für den Tag" gehen dem Menschen und Künstler anhand ausgewählter Bildbesprechungen unterschiedlicher Sujets (religiöse Motive, Stillleben, weltliche Porträts) auf die Spur und beleuchten das Faszinosum Caravaggio auf vielgestaltige Weise.
Gestaltung: Alexandra Mantler

Es sei lasziv und unangemessen. Der Maler habe eine Dirne als Modell benutzt. Ja, sogar eine aufgedunsene Leiche. Die Madonna habe nackte und geschwollene Beine. Unzählige Argumente finden sich in Schriften und Briefen zur Begründung dafür, warum Caravaggios großformatiges Altargemälde "Der Tod Mariens" aus der Karmeliter-Kirche in Rom bereits kurz nach Fertigstellung 1606 wieder entfernt wurde. Später hat sich der Maler Peter Paul Rubens dafür eingesetzt, dass es einen guten Platz findet und öffentlich gezeigt wird. Wohlwissend, dass es sich um ein Meisterwerk handelt.

Zu sehen ist ein einfacher, ärmlich möblierter Raum. In ihm ist die tote Muttergottes aufgebahrt - umringt von den trauernden Aposteln und der weinenden Maria Magdalena, die im Vordergrund sitzt.

Umstritten war das Gemälde aufgrund der ungewöhnlichen Darstellung der toten Maria. Denn diese ist keineswegs idealisiert gezeichnet, weder jung noch sonderlich schlank. Caravaggio zeigt die Gottesmutter in einfacher Kleidung, bloßfüßig und bleich. Der Kopf ist zurückgesunken und nicht wie üblich dem Himmel entgegen blickend - auch sind die Arme nicht fromm gekreuzt. Der linke Arm hängt sogar schlaff zur Seite. Auch visualisiert Caravaggio den körperlichen Tod überdeutlich - anstatt Maria im Übergang zwischen irdischem und himmlischem Leben zu malen.

Caravaggio malt alles anders als gewohnt - auch wenn er natürlich die Tradition mit einbezieht. Er provoziert und begeistert, weil er seine spezielle Sichtweise auf Kunst, Leben und Glauben mit Farben und Linien - mit Licht und Schatten - ausdrücken kann. In einer direkten und zugleich höchst reflektierten Bildsprache, die bis heute unverwechselbar ist. Von Querschüssen und Widerständen hat Caravaggio sich offenbar nicht beirren lassen. Genau diese Kompromisslosigkeit und das Durchhaltevermögen faszinieren mich besonders an ihm. Denn wer ringt nicht tagtäglich darum, das konsequent weiter zu verfolgen, was das wirklich Eigene ist. Egal, ob es auf Anerkennung stößt oder nicht.

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