Gedanken für den Tag

"Begegnungen" von Wolfgang Mantl

Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft an der Universität Graz Wolfgang Mantl erinnert sich an Begegnungen mit herausragenden Persönlichkeiten aus dem Bereich der Wissenschaft und der Kultur, die sein Leben nachhaltig geprägt haben. Aber auch Studierende, Ordensfrauen, Großmütter und Kinder tragen bei zu einem Mosaik, das eine vielfarbige Welt abbildet und lebensfördernde Erfahrungen anbieten will, bis hin zu der Erkenntnis: Es geht im Leben nicht nur um das "Wie" menschlicher Handlungen, sondern auch um das "Warum".

Kinder

Die Kinder dieser Welt haben viele Schicksale: Bittere Armut, Hunger und Krankheit, und dies nicht nur in der Dritten Welt. Für uns in Österreich ist es schier unvorstellbar, dass Kinder von Landminen zerrissen oder als Kindersoldaten versklavt werden. Aber wurden 14-Jährige nicht 1945 in den letzten Kriegswochen dem flackernden Irrsinn des untergehenden Nazi-Regimes geopfert?
 
Es gibt aber auch - auch das macht das "Glück" unserer Republik aus - die Möglichkeit des Heranreifens mit einem jungen Herzen gegen alte, morsche Wirklichkeiten. Kinder erhellen das Finstere mit lachender, zukunftsstarker Hoffnung. Im gelungenen Spiel und in gelungenen Basteleien steht die Freude des Anfangs, der Glanz des Beginnens mit unverbrauchter, ungetrübter Kraft. Kinder schlüpfen - auch widerspenstig und wortreich - durch den Zaun kleinmaschiger Enge der Erwachsenenwelt, finden farbige Freiheit. "Schweige-Familien" sind wahrhaftig kein Ideal.
 
Unlängst hörte ich das Händeklatschen eines Kleinkindes, meiner Enkelin, nach dem Orgelspiel in der Kirche. Es war ein Mensch noch ohne Falten und Brüche. Kinder sind anderen Kindern Animateure, "Mitentdecker" der Umwelt, manchmal sogar Apostel. Wir haben es nicht immer leicht mit unseren Kindern und sie nicht mit uns. Sie fordern uns von Tag zu Tag, bewahren uns aber vor Einseitigkeit, Beschränktheit und früher Vergreisung. Es sind handfeste Begegnungen, die sie und wir aufbauen, viel kräftiger als bloßes "Edelwort-Geklingel". Ein leuchtendes Morgen geht von Kindern aus. Sie setzen die Schöpfung fort, erfinden das Neue. Und schlagen damit die Brücke, wie es ein knappes Pauluswort im ersten Korintherbrief ausdrückt, zu "Gott, der wachsen lässt."

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