Im Gespräch

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"Wir müssen wahre Sätze finden". Michael Kerbler im Gespräch mit Josef Winkler, Schriftsteller

Seit Roberto Saviano in "Gomorrha" Namen und Strukturen der Camorra, der neapolitanischen Mafia, benannt, beschrieben und bewiesen hat, ist sein Leben in Gefahr. Er hat "die Wahrheit berührt". Nun, bei Saviano mag das stimmen. Er ist kein Poet, er fühlt sich den Fakten verpflichtet. Er will geschehene Verbrechen aufdecken, künftige verhindern. Aber ein Dichter? Hatte Platon vielleicht doch recht, als er im Dienste seiner Ideenlehre befand: Dichter lügen? Aristoteles dagegen vertrat die Meinung, dass der Mensch ebenso ein Erfinder sei wie die Natur, die immer wieder aus sich heraus Neues gebiert. Und dies müsse doch auch dem Menschen gestattet sein, auf dass die Wirklichkeit reicher oder gar erst erkennbar werde.

Woran, wurde einst Friedrich Nietzsche gefragt, woran ist denn der Wert der Wahrheit zu messen? Gibt es so etwas wie ein Maß für den Wert der Wahrheit? Die Antwort des Philosophen liest sich so: "Für die Höhe der Berge ist die Mühsal ihrer Besteigung durchaus kein Maßstab. Und in der Wissenschaft soll es anders sein, sagen uns einige, die für eingeweiht gelten wollen; die Mühsal um die Wahrheit soll gerade über den Wert der Wahrheit entscheiden! Diese tolle Moral geht von dem Gedanken aus, dass die 'Wahrheiten' eigentlich nichts weiter seien, als Turngerätschaften, an denen wir uns wacker müde zu arbeiten hätten - eine Moral für Athleten und Festturner des Geistes."

Nach wie vor begreifen Schriftstellerinnen und Schriftsteller Schreiben als Wahrheitssuche oder gar als Vehikel zur Wahrheitsfindung. "Wir müssen wahre Sätze finden", notierte einst Ingeborg Bachmann. Denken, Intuition und Fantasie benötigt ein Wissenschafter genauso wie ein Künstler. Beide sind auf der Suche nach Wahrheit: Der Wissenschafter beobachtet die Welt und beschreibt sie, der Künstler beobachtet die Welt und interpretiert sie. Liegt darin der grundlegende Unterschied? In der bildenden Kunst und in der Musik sind die Grenzen zur Wissenschaft längst aufgehoben, wie verhält es sich mit der Dichtung und der darstellenden Kunst? Lässt sich die Trennung zwischen den wissenschaftlichen und den literarischen "Kulturen" noch aufrecht halten?

Im Rahmen der 16. Vorlesung von "Wissen schafft Kultur" sprach Michael Kerbler in der Ö1-Reihe "Zeitgenossen im Gespräch" mit dem Schriftsteller Josef Winkler.

Service

Josef Winkler, "Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot", eine Sammlung von Reise- und Tagebuchnotizen, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2008 (ISBN: 978-3518125564)

Josef Winkler, "Roppongi - Requiem für einen Vater", Suhrkamp, Frankfurt/Main 2007.
(ISBN: 978-3518419212)

Josef Winkler, "Das wilde Kärnten", Romantriologie bestehend aus: "Menschenkind", "Der Ackermann aus Kärnten" und "Muttersprache", Suhrkamp, Frankfurt/Main 1995.
(ISBN: 978-3518389775)

Günther A. Höfler, Gerhard Melzer (Hrsg.), "Dossier 13: Josef Winkler", Droschl, Graz/Wien 1999.
(ISBN: 978-3854205142)

Mario Vargas Llosa, "Die Wirklichkeit des Schriftstellers", Suhrkamp, Frankfurt/Main 1997.
(ISBN: 978-3518120033)

Anne-Kathrin Reulecke (Hrsg.) "Fälschungen. Zu Autorschaft und Beweis in Wissenschaften und Künsten", Suhrkamp, Frankfurt/Main 2006. (ISBN: 978-3518293812)


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