Radiokolleg - Die Intellektuellen

Zur Genealogie einer bedrohten Spezies (1). Gestaltung: Gerhard Pretting

Begonnen hat alles im Jahre 1898. Die Dreyfus-Affäre stürzte Frankreich in eine tiefe Krise. Dass der wegen Spionage verurteilte Alfed Dreyfus unschuldig war, das war schnell klar. Trotzdem machte der Staat keine Anstalten, den Offizier zu pardonieren. Am 13. Jänner veröffentlichte Emile Zola seinen legendären öffentlichen Brief "J'accuse - Ich klage an". An den folgenden zwei Tagen wurden zwei Listen veröffentlicht, in denen Wissenschafter, gehobene Beamte, aber vor allem Künstler und Literaten gegen die begangenen Rechtsbrüche im Fall Dreyfus protestierten.

Dies gilt als Geburt des Intellektuellen. Kluge Menschen, die sich für eine Sache engagieren. Aber schon hier, beim ersten Aufflackern des Intellektuellen, zeigt sich die Doppeldeutigkeit des Begriffs. Denn "Intellektueller" wird auch 1898 schon als Schimpfwort verwendet. Die Presse wirft den Denkern und Künstlern ein für die Gesellschaft negatives Bestreben vor, eine Elite bilden zu wollen.

Was zeichnet eine/n Intellektuelle/n aus: Zweifelsohne das politische Engagement. Der/die Intellektuelle bezieht Position, denkt über die Gesellschaft nach und hat zu vielem - manche meinen: zu allem - eine Meinung. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg gab es ein starkes Bedürfnis nach solchen Denkern. Theodor W. Adorno in Deutschland, oder der wohl berühmteste Intellektuelle, Jean-Paul Sartre, in Frankreich. Sartre steht auch für die ideologischen Verfehlungen der Intellektuellen. Denn so klug diese Denker auch waren, so anfällig waren sie, totalitäre Denker zu unterstützen. Martin Heidegger sympathisierte mehr oder weniger offen mit den Nationalsozialisten, Sartre mit so ziemlich jeder gewaltbereiten linken Bewegung und selbst der für Ideologien unanfällige Michel Foucault schrieb kurz nach dem Sturz des Schahs seltsame journalistische Lobhudeleien auf Ayatollah Khomeini.

Und heute? Ist das "Jahrhundert der Intellektuellen", wie das 20. Jahrhundert mitunter bezeichnet wird, endgültig vorbei? Braucht unsere Gesellschaft noch fächer- und genreübergreifende Denker/innen? Oder begnügen wird uns damit, Politikwissenschafter/innen, Meinungsforscher/innen, Marketingexpert/innen und Finanzwissenschafter/innen um ihre Einschätzung zu fragen? Es scheint, als wären die Intellektuellen von den Expert/innen verdrängt worden. Und wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, dass der Niedergang des Wertes der Intellektuellen just zu jener Zeit begann, als liberale Wirtschaftssysteme sich ausbreiteten und die Geisteswissenschaften mehr und mehr unter Legitimationszwang gerieten.

Service

Dietz Bering: Die Epoche der Intellektuelle, Berlin University Press, Berlin 2010

Isolde Charim/Georg Hoffmann-Ostenhof (Hg.): Der Fall des Intellektuellen, Sonderzahl, Wien 1996

Ralf Dahrendorf: Versuchungen der Unfreiheit, C.H. Beck Verlag, München 2006

Michel Foucault: Der maskierte Philosoph, In: Michel Foucault: Von der Freundschaft, Merve Verlag, Berlin 1984

Michel Foucault: Die politische Funktion eines Intellektuellen, In: Michel Foucault: Schriften Band 3, Suhrkamp Frankfurt/Main 2003

Gerhard Fröhlich/Boike Rehbein (Hg): Bourdieu-Handbuch, Metzler Verlag, Stuttgart 2009

Horst Günther: Wo, wenn nicht hier? Intellektuelle in Frankreich, In: Martin Meyer (Hg.): Intellektuellendämmerung?

Georg Hoffmann-Ostenhof: Vom Gedeihen des österreichischen Intellektuellen, In: Charim/Hoffmann-Ostenhof (Hg.): Der Fall des Intellektuellen

Georg Kohler: Das institutionalisierte Individuum, In: Martin Meyer (Hg.): Intellektuellendämmerung?

Konrad Paul Liessmann: Der Intellektuelle, die Wahrheit und die Macht, In: Charim/Hoffmann-Ostenhof (Hg.): Der Fall des Intellektuellen

Jean Francois Lyotard: Grabmal des Intellektuellen, Passagen Verlag, Wien 1985

Martin Meyer (Hg.): Intellektuellendämmerung? Carl Hanser Verlag, München-Wien 1992

Wolf Lepenies: Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1992

Bernard-Henri Lévy: Die abenteuerlichen Wege der Freiheit, List Verlag, München-Leipzig 1992

Bernard-Henri Lèvy: Sartre - Der Philosoph des 20. Jahrhunderts, Carl Hanser Verlag, München-Wien 2002

Jacques Le Rider: Der Intellektuelle in der mediengesteuerten Gesellschaft, In: Charim/Hoffmann-Ostenhof (Hg.): Der Fall des Intellektuellen

Jean-Paul Sartre: Plädoyer für die Intellektuellen, Rororo, Reinbeck bei Hamburg 1995

Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2003




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