Gedanken für den Tag

von Guido Tartarotti. "Sommerliche Atempause"

Natürlich entlässt einen der Alltag im Sommer nicht automatisch aus seinen Fängen - nur weil draußen vielleicht die Sonne scheint. Und die Arbeit kann man im Normalfall auch nur für maximal ein paar Wochen ruhen lassen. Man ist ja schließlich kein Schulkind mehr. Und doch: Der Sommer bietet da und dort die Gelegenheit, Abstand vom Gewohnten zu nehmen, Unterbrechungen zuzulassen und sich auch die Zeit zu nehmen, tiefer zu gehen und sich ein bisschen damit zu beschäftigen, was einem wirklich wichtig ist - vielleicht sogar Fragen, die nicht nur diese Welt betreffen, zuzulassen.

Guido Tartarotti ist von Beruf Journalist. Abends treibt er sich, wie er selbst sagt, oft auf Bühnen herum: als Kabarettist. Nach dem Überraschungserfolg von "Über Leben - Escape From Meerschweinchenkäfig" hat er sein zweites Programm "Daneben" der kabarettistischen Auseinandersetzung mit den absurden Seiten des Journalismus gewidmet. Und wenn Tartarotti "ganz besonders unvorsichtig gelaunt" ist, tritt er zudem als Sänger und Gitarrist seiner Band NOW auf. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Urlaub. Ich kann Urlaub nicht leiden, weil ich Urlaub liebe. Je schöner der Urlaub ist, umso härter erinnert er uns daran, dass wir nicht frei sind. Ohne Erwerbsarbeit verbrachte Zeit nennen wir Freizeit, was umgekehrt bedeutet, dass die übrige Zeit Unfrei-Zeit ist.
Und das hat gar nichts damit zu tun, ob wir unsere Arbeit mögen und als sinnvoll erleben.
Es geht hier schlicht um den Unterschied von Dürfen und Müssen, wie ihn Mark Twain in "Tom Sawyer" beschrieben hat: Einen Zaun streichen zu dürfen, kann ein Genuss sein. Einen Zaun streichen zu müssen, ist Arbeit. Ein und dieselbe Tätigkeit kann Freizeit oder Unfreizeit bedeuten, zu unterscheiden nur daran, ob man dafür bezahlt oder bezahlt wird. Das Paradoxe daran: Je mehr wir zahlen, umso freier fühlen wir uns, je mehr wir bezahlt bekommen, desto eiserner spüren wir den Griff das Zwanges.
Urlaub erinnert uns daran, dass wir unfrei sind, aber auch daran, dass wir frei sein könnten.
Ich verliere ja im Urlaub immer - im Unterschied zu den meisten anderen Menschen - an Körpergewicht, weil das Frustfressen wegfällt. Und nach wenigen Tagen falle ich im Urlaub in einen anderen Lebensrhythmus: Zwei Uhr Schlafengehen, elf Uhr aufstehen. Offenbar ist das die Art zu leben, die mein Körper und mein Schädl natürlich finden. Ein Rhythmus, den ich in der Arbeitswelt natürlich nicht leben kann.
Untätig verbrachte Zeit fühlt sich endlos an, verdunstet aber in der Rückschau zu nichts. Umgekehrt vergeht mit Aktivität angefüllte Zeit rasend schnell, wird aber im Blick zurück geradezu endlos.
Deshalb versuche ich, in meine freie Zeit so viel Leben wie möglich zu pressen, damit meine Erinnerung umso mehr Freiheit enthält.
Wir strampeln im Hamsterrad des Erwerbszwanges. Um das Geld, das wir uns erstrampeln, kaufen wir uns nicht etwa Zeit oder Freiheit, sondern wir geben es aus, um uns mit Konsum zu belohnen. Und damit wir umso sicherer wieder zurück müssen ins Rad.
Freiheit halten wir in Wahrheit nämlich gar nicht gut aus.
Der Schlüssel zur Freiheit wäre Bedürfnislosigkeit. Wir alle werden bedürfnislos geboren. Ein Kind braucht Zuwendung, Nahrung, Wärme, Schutz. Aber versuchen Sie einmal einem kleinen Kind zu erklären, warum man ein Auto braucht, ein Ipad, eine teure Handtasche, einen Urlaub im Ferienklub. Aber wir sind sehr gut darin, unsere Kinder an den Konsumzwang zu gewöhnen. Machen wir es doch einmal umgekehrt: Lassen wir uns von ihnen beibringen, nichts zu brauchen.

Service

Guido Tartarotti

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Sendereihe

Playlist

Titel: GFT 110727 Gedanken für den Tag / Guido Tartarotti
Länge: 03:49 min

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