Gedanken für den Tag

von Cornelius Hell. "Ende eines Sommers"

"Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich, / während unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht" (Günter Eich).

Landschaften, Gerüche, Kindheitserinnerungen - die erste Ernte, die letzten Badetage und die Einsicht, dass der Sommer zur Neige geht. Der Literaturkritiker und Übersetzer Cornelius Hell macht sich sehr persönliche Gedanken über die zweite Hälfte des Sommers, des Jahres und des Lebens.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Als ich noch in der Nähe von Salzburg wohnte, konnte ich immer riechen, wann der Sommer zu Ende ging. Ich fuhr mit dem Rad ein wenig abwärts, die Wiese entlang auf unser Haus zu, und plötzlich hatte die Luft eine andere Tiefenschärfe, etwas feuchter und süßlicher, und ich wusste genau: Jetzt ist der Sommer zu Ende. Auch wenn es warm war, auch wenn die Sonne schien - der Geruch war untrüglich. Und immer hatte ich dabei ein ambivalentes Gefühl: Mit der klaren Sommerluft war etwas definitiv zu Ende gegangen. Und gleichzeitig war diese Symphonie von Gerüchen ein bezaubernder, ja ein geradezu berauschender Neuanfang.

Wenn es um die Wahrnehmung solcher Ambivalenzen geht, um die Licht- und Schattenseiten, da ist auf den Dichter Eduard Mörike immer Verlass. Sein Gedicht "Septembermorgen" hat das Doppelgesicht des Herbstes in nur sechs Verszeilen eingefangen:

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Mörike gelingt es, den Gegensatz in einer einzigen Verszeile zusammenzuspannen: Die Welt ist "gedämpft" - und zugleich "herbstkräftig". Das mildere Licht hat seine ganz eigene Kraft. Das Gedämpfte ist stärker als das Grelle, die warme Goldfarbe des Herbstes hat ihre eigene Intensität.

Seit ich in Wien lebe, kann ich auf dem Heimweg das Ende des Sommers nicht mehr riechen. Das bringt mein Überzeugt-Sein von der urbanen Lebensweise immer wieder ins Wanken. Aber ich kann natürlich in den Augarten gehen, um den beginnenden Herbst zu riechen. Allerdings musste ich das erst lernen - denn in einem Park riecht der Herbst anders als neben Wiesen und Feldern. Vielleicht werde ich ja noch ein Experte in Sommer- und Herbstgerüchen, vielleicht sollte ich sie in verschiedenen Städten und Ländern sammeln. Aus Zeitmangel werde ich mich wohl mit einem bescheideneren Programm zufriedengeben müssen: Die Jahreszeiten zu nutzen als Schule der Wahrnehmung. Vor allem das Ende des Sommers.

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Titel: GFT 110901 Gedanken für den Tag / Cornelius Hell
Länge: 03:49 min

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