Gedanken für den Tag
von Anita Pollak. "In den Hütten sollt Ihr wohnen" - Gedanken rund um die jüdische Holiday-Season
14. Oktober 2011, 06:56
Wann und wie ein Jahr beginnt, ist eine Frage des Standortes und nicht zuletzt der Religion. Das jüdische Neujahr beginnt mitten im Herbst und läutet eine Zeit der Einkehr, der Umkehr, der Besinnung und der Buße ein, die im Versöhnungstag ihren Höhepunkt erreicht. Das darauf folgende einwöchige Laubhüttenfest dagegen ist ein fröhliches Familienfest.
Die Herbstfeiertage bilden das Zentrum des religiösen jüdischen Lebens. Was können sie heute bedeuten, wie werden sie in einer nicht-jüdischen Umgebung begangen und welche spirituelle Kraft geht von ihnen aus? Fragen und Gedanken der Kulturpublizistin Anita Pollak.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.
Um die jüdische Holiday-Season kreisen die "Gedanken" dieser Woche.
Die Herbstfeiertage, beginnend mit dem Neujahrsfest Rosch Haschana und gipfelnd im Versöhnungstag Jom Kippur sind Anfang und Höhepunkt des jüdischen Jahres. Eine gewisse Stimmung ergreift in diesen Tagen auch viele Menschen, die sich von den religiösen Traditionen weitgehend entfernt haben. Sie denken an ihre Kindheit, an ihre Eltern, die vielleicht noch traditioneller waren und besuchen vielleicht die Synagoge. Nicht immer nur um zu beten, nein, sie wollen einfach unter Menschen sein, die diese Feste auch feiern, für die diese Tage auch besondere Tage sind. Dazugehören, das ist eine Sehnsucht, die Jüdinnen und Juden außerhalb Israels fast überall verspüren. Weil nicht Dazugehören, das spürt man auch oft und nicht so gerne.
In meiner Schulzeit waren die Herbst-Feiertage für mich zunächst ein Problem. Schon im Sommer wurde nachgesehen, auf welches Datum die Feiertage fallen würden. Um sie sich frei zu halten von allem anderen. An den hohen Feiertagen ging ich nicht zur Schule. Das musste erklärt werden. Jedes Jahr aufs Neue. Denn unsere Feiertage sind eben keine Feiertage im hiesigen Kalender. Und so musste das Fernbleiben vom Unterricht entschuldigt und das Versäumte nachgeholt werden. Wenn ich Glück hatte, versäumte ich keine Schularbeit, denn das war dann peinlich. Im Arbeitsleben muss man sich Urlaub nehmen, will man seine Feiertage "halten", das heißt, den Geboten folgen. Festlich gekleidet geht man in die Synagoge, während alle rundherum arbeiten. Man fastet am Versöhnungstag, während alle anderen essen. Und zu Weihnachten, während alle feiern, sitzt man unter keinem Christbaum. Dafür sitzt man zu Sukkoth, also diese Woche, vielleicht in einer Laubhütte, die an die Wanderung der Juden durch die Wüste vor tausenden Jahren erinnert, an das Unterwegssein der Menschen. Und am Ende dieses Festes steht das Gebet um Regen. Und draußen schüttet es vielleicht.
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Sendereihe
Playlist
Titel: GFT 111014 Gedanken für den Tag / Anita Pollak
Länge: 03:49 min
