Gedanken für den Tag

Von Gertraude Portisch. "Eine Auseinandersetzung mit Gott und der Welt". Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Die Welt war aus den Fugen. In Europa wütete der Zweite Weltkrieg mit allen seinen Gräueln und die Autorin war mit ihrer Familie vor dem Naziterror nach England geflüchtet. Der Zufall hat sie in ein Kloster verschlagen, wo sie vier Jahre lang als Hilfslehrerin für Sport tätig war und als einzige Laiin unter Nonnen lebte. Ihre Erlebnisse und ihre Auseinandersetzung mit der Religion sind Thema des Buches "Der liebe Gott und die Großmama". Ihre Zweifel in dieser Zeit begleiten sie bis heute. "Ein Sonnenstrahl, der durch das Fenster der Kapelle fiel, verändert meine Sicht auf einen "lieben Gott" und ich wusste plötzlich ,"wieso alles, was sich in der Natur abspielte, unser Leben eingeschlossen, möglich war, ohne aus Gott einen grausamen Tyrannen zu machen. Das Wort 'lieb' als Bezeichnung für eine Eigenschaft Gottes kam mir plötzlich lächerlich vor. Gott war etwas ganz anderes, etwas, dem unsere Sprache gar nicht gerecht werden kann." Ein ganz alltägliches Naturereignis lässt sie Gott als "die Urkraft, die das Universum zusammenhielt" verstehen. Aber die Auseinandersetzung mit der Religion und vor allem mit der katholischen Kirche hat die Autorin nie aufgegeben.

Es ist schon lange her, aber ich habe den Moment nie vergessen, als ich das erste Mal in allen Dingen einen Sinn sah. In einem Sonnenstrahl, der durch das Fenster einer Kirche fiel. Nicht auf den Priester, nicht auf das Kreuz oder den Tabernakel, nur in die Mitte eines langen Teppichs, der sich bis zum Altar erstreckte. Was der Pfarrer sagte, beantwortete mir keine meiner Fragen. Das Ritual ging spurlos an mir vorüber, aber ich wusste, da war etwas, das mir fehlte, um in meinem Leben einen Sinn zu sehen. Da kam dieser Sonnenstrahl. Etwas ganz Alltägliches, das jederzeit und immer wieder passieren konnte. Plötzlich wusste ich die Antwort auf eine Frage, die mich schon seit meiner Kindheit gequält hatte: Wie konnte ein gütiger Gott eine so grausame Welt erschaffen, in der die ganze Natur aus Fressen und gefressen Werden bestand? Ich glaube, jedes Leben ist ein Kreislauf, ein Kommen und Gehen. Wir und alles Leben auf der Erde sind Teil dieses Kreislaufs. Alles, was sich in der Natur abspielt, unser Leben eingeschlossen, ist nur möglich, wenn wir im Tod nicht ein Ende sehen.

Der Tod ist keine Strafe, wie die Genesis es sagt, er ist Teil des Lebens - alles Lebens. Ich erinnere mich daran, dass uns als Kindern immer von dem „lieben“ Gott gesprochen wurde, aber das Wort "lieb" als Bezeichnung für eine Eigenschaft Gottes kam mir plötzlich lächerlich vor. Denn Gott, wenn es ihn gibt, steht weit über den Dingen auf unserem Planeten und ist sicherlich nicht verantwortlich für das, was Menschen einander antun. Er ist die Urkraft, die das Universum zusammenhält.

Der Sonnenstrahl aber bleibt in meiner Erinnerung als ein Ereignis, das mich den Kreislauf des Lebens verstehen ließ.

Service

Buch, Gertraude Portisch, "Der liebe Gott und die Großmama. Geschichte einer Rebellin", Edition Portisch
Buch, Getraude Portisch, "Irrwege. Escher. Adam", Edition Atelier
Buch, Gertraude Portisch, "Cassiel", Edition Atelier
Buch, Gertraude Portisch und Alfonso Madden, "Wer bist Du? Who are you?", Edition Roetzer
Buch, Gertraude Portisch und Alfonso Madden, "Nimm Dir die Zeit zum Freund", Edition Roetzer
Buch, Gertraude Portisch und Hugo Portisch, "Die Olive und wir", Verlag Ecowin
Buch, Traudi Reich, "Ich und Du", Residenzverlag
Buch, Traudi Reich, "Die Hunde von Benevento", Residenzverlag

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