Radiokolleg - Der Wiener Kreis und seine Erben

Laboratorium des Wissens (2). Gestaltung: Marlene Nowotny

Der zunächst lose Diskussionszirkel begann im Wiener Kaffeehaus. Bereits vor dem 1. Weltkrieg trafen sich Philosophen und Wissenschafter wie der Mathematiker Hans Hahn, der Physiker Philipp Frank oder der Ökonom Otto Neurath, um gemeinsam über die grundlegenden Probleme der modernen Naturwissenschaften zu diskutieren.

Als 1922 der Physiker und Philosoph Moritz Schlick an die Wiener Universität berufen wurde, institutionalisierte er die Treffen des Wiener Kreises. Jeden Donnerstag versammelte er die interdisziplinäre Runde. Ihr innovatives Projekt war es, eine Weltauffassung zu formulieren, die auf wissenschaftlichen und nicht auf metaphysischen Prinzipien beruhte.

In den späten 1920er Jahren erregte die Arbeit dieser intellektuellen Avantgarde zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit. Vorträge für ein nichtakademisches Publikum, allen voran im Rahmen der Wiener Volksbildungsbewegung, spielten eine entscheidende Rolle für das neue Selbstverständnis der Wissenschafter.

Im Stil einer modernistischen Künstlerbewegung stellte der Wiener Kreis seine Anliegen in einem Manifest vor. In ihrer "Wissenschaftliche Weltanschauung", so der Titel des 1929 erschienen Büchleins, benannten die Wissenschafter ihre Vorbilder und Gegner, und riefen dazu auf, die traditionelle Philosophie zu überwinden und durch eine "wissenschaftliche Weltanschauung" zu ersetzen.

Der Wiener Kreis machte sich daran, "den metaphysischen und theologischen Schutt der Jahrtausende aus dem Weg zu räumen". Das Manifest von 1929 zeigt sehr deutlich, dass es in Österreich um die Zukunft des rationalen Geistes, um die gesellschaftliche Modernisierung und die freie Entfaltung der Wissenschaften nicht gut stand. Mit der sozialdemokratischen Erziehungs- und Kulturbewegung erlebte die Erneuerung des wissenschaftlichen Denkens einen Aufschwung, mit dem Aufkeimen des Austrofaschismus ihr Ende.

Die Treffen des Wiener Kreises sollten sich bis zur Ermordung von Moritz Schlick im Jahr 1936 wöchentlich fortsetzen. Bald darauf flohen die meisten Mitglieder aus Österreich, nach England und Amerika, wo ihre neuen Denkansätze auf fruchtbaren Boden fielen.

Wie ist es heute um das philosophische und wissenschaftliche Erbe des Wiener Kreises bestellt? Auf welchen gesellschaftlichen Nährboden baute diese interdisziplinäre und international vernetzte Bewegung auf? Und wäre ein wissenschaftliches Zusammenarbeiten im Sinn des Wiener Kreises heute noch denkbar?

Service

Volker Thurm und Elisabeth Nemeth (Hrsg.): Wien und der Wiener Kreis. Orte einer unvollendeten Moderne, Facultas Verlag, 2003
Peter Bettelheim (Hrsg.): Janusköpfige Metropole. Zur Geistesgegenwart Wiener Wissenskultur, Sonderzahl Verlag, 2011
Friedrich Stadler (Hrsg.): Vertriebene Vernunft I. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930-1940, Verlag Jugend und Volk, 1987
Friedrich Stadler: Studien zum Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext, Suhrkamp Verlag, 1997
Michael Stöltzner und Thomas Uebel (Hrsg.): Wiener Kreis. Texte zur Wissenschaftlichen Weltauffassung, Felix Meiner Verlag, 2006
Manfred Geier: Der Wiener Kreis, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1992
Volker Thurm-Nemeth (Hrsg.): Konstruktion zwischen Werkbund und Bauhaus. Wissenschaft - Architektur - Wiener Kreis, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, 1998
Mathias Iven: Berlin - Rostock - Wien. Dem Philosophen und Physiker Moritz Schlick zum 125. Geburtstag. IN: UTOPIE kreativ, Heft 203, September 2007
Verein Ernst Mach (Hrsg.): Die Wissenschaftliche Weltauffassung - Der Wiener Kreis (Erstauflage 1929). Springer Verlag, geplant für Frühling 2012

Institut Wiener Kreis

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