Gedanken für den Tag

von Cornelius Hell. "Die dunklen Krüge der Erinnerung" - Zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Als Historikerin und Schriftstellerin hat sich Gertrud Fussenegger intensiv mit der Vergangenheit befasst; im Roman "Das Haus der dunklen Krüge" verarbeitete sie Erinnerungen an ihre böhmische Heimat. Ihr Werk ist vom Katholizismus geprägt - und doch war sie glühende Nationalsozialistin.

Die Erinnerung an Begegnungen mit einer charmanten Persönlichkeit und ihrem oft auch fragwürdigen Werk zwingt zu Reflexionen über das katholische Milieu, die Rolle der Literatur und die Abgründe der Erinnerung.

Heute vor 100 Jahren wurde die österreichische Schriftstellerin Gertrud Fussenegger in der böhmischen Stadt Pilsen geboren. Am Beginn ihrer Autobiografie „Ein Spiegelbild mit Feuersäule“ beschreibt sie ihre Geburt, als hätte sie selbst dabei zugeschaut. Aus dieser Distanz schildert sie eine bürgerliche Idylle, um sie dann mit den wenigen folgenden Sätzen aufzubrechen:

"Mein Vater war nicht zugegen. Er kam erst drei Tage später zu meiner Taufe."

Zugegen war aber schon ein kleines böhmisches Bauernmädchen, das man als Amme gedungen hatte. Sie saß abseits in einem Winkel und hatte zu warten, zu warten, zu schweigen und bereit zu sein, bis das kostbare Kind der Nahrung bedurfte. Keiner fragte sie, was sie dachte, wie ihr zumute war. Das eigene Kind hatte sie in ihrem Dorf in ihrer Familie zurücklassen müssen. Die Familie sorgte dafür, dass es starb.

Von dieser Amme, schreibt Gertrud Fussenegger, hätte sie nie ein Wort erfahren, wenn sie sie nicht auf einem Familienfoto entdeckt hätte. Denn die Amme wurde entlassen, sobald sie ihre Funktion erfüllt hatte. Schließlich galt sie ja als liederlich und minderwertig, denn ihr Kind war unehelich gewesen. Wie Gertrud Fussenegger hier das bürgerliche Familienideal und seine religiöse Verbrämung aus der Perspektive derer schildert, die keine Chance hatten, es zu verwirklichen, verdient Respekt.

Gertrud Fussenegger beschreibt noch den Nachklang und Nachgeschmack, den diese Amme in ihr hinterließ. Und sie folgert daraus: "Vermutlich war es das, was mich immer wieder aus den Vorderzimmern in die Hinterstuben, in Kammern und Winkel trieb, zu den Mädchen vom Land, zu ihrem Geschäker und Geschwätz, zu ihren simplen Liedern und primitiven Späßen, und auch, da sie doch allesamt tschechisch sprachen, zu ihrer fremden Sprache."

Gertrud Fussenegger verteidigt in ihrer Autobiografie mehrmals die Tschechen gegen die Deutschen - erstaunlich für eine sogenannte "Heimatvertriebene". Der Hang in die Hinterstuben, in die Kammern und Winkel hingegen, bleibt reine Behauptung. Aber der eine klare und durch keine Rücksichten auf die eigene Familie getrübte Blick auf die Amme ist ein Glanzstück des Buches.

Service

Gertrud Fussenegger, "Das Haus der dunklen Krüge", Deutscher Taschenbuch Verlag, 2004

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