Da capo: Tonspuren

Stadt, Land, verdichtetes Glück. Die Orte des Bodo Hell. Feature von Johann Kneihs

Bodo Hell, geboren am 15. März 1943 in Salzburg, ist rastlos unterwegs. Im Untersuchungsgebiet werden kleinste Veränderungen registriert: Auf- und Inschriften, Graffiti, Plakate, Fachsprache von Verkehrsplanern und Bauingenieuren, Geschäftsschilder, Markennamen, amtliche Formulare, Durchsagen, Gesprächsfetzen - wie in "Stadtschrift" zur Linie 13A (1983).

Tausende beobachtete Daten werden, verdichtet in Cut-up- und Collagetechnik, zu Prosa, Theaterstücken, Hörspielen. Gegenstand von Hells Literatur kann die Stadt sein oder der Berg: Seit drei Jahrzehnten verbringt Bodo Hell jährlich drei Monate als Senn unter dem Dachstein, sammelt Flur- und Pflanzennamen, Sagen, Dialektausdrücke, lokale Überlieferung. Zur physischen Topographie urbaner und ländlicher Räume kommen im Lauf der Zeit verstärkt kulturgeschichtliche und religiöse Topoi wie Heiligenlegenden: Essenz menschlicher Erfahrung von Liebe, Schmerzen, Tod.

Bodo Hell habe "eine Kur in Sprache" anzubieten, sagte Ernst Jandl in seiner Laudatio auf Hell zum Erich-Fried-Preis 1991: "Bodo Hells Reihung von Sätzen, Satzfragmenten und Einzelwörtern wird mich immer wieder aus der gewohnten Bahn stoßen". Dem Anschein von Stream of Consciousness zum Trotz folgen Bodo Hells Texte unmerkbaren, raffinierten Strukturen. Mehr noch als um Sprache und Sprachkritik geht es dem Autor um Wahrnehmung: um Prozesse der Welt-Verarbeitung, konkretisiert im Dialog mit Fotografie, Musik oder bildender Kunst, im lustvollen Hin-und-her-Assoziieren zwischen Trash und Wissenschaft.

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