Tonspuren

"Nicht einmal ein Kuss." Die poetische Korrespondenz zwischen Erika Mitterer und Rainer Maria Rilke, dokumentiert von Eva Schobel.

Als Erika Mitterer, die angehende Fürsorgerin und Schriftstellerin, im Mai 1924 von einem Kochkurs nach Hause kam, fand sie auf dem Küchentisch einen eingeschriebenen Brief von Rainer Maria Rilke. Es war ein erhofftes, aber nicht erwartetes Antwortschreiben auf ein Gedicht, das die 18-Jährige dem berühmten Dichter geschickt hatte. Ein schwärmerisches Gedicht, in dem sie sich im Rilke-Ton versucht.

Daraus entwickelt sich ein zweijähriger gereimter Briefwechsel, in dem Rilke immer wieder Einladungen an die junge Freundin ausspricht, um sie gleich darauf wieder zurückzunehmen. Bei aller Ambivalenz von beiden Seiten, sind es Liebesbriefe. Die historischen Verhältnisse bleiben draußen. Rilke begrüßt die Machtergreifung Mussolinis in Italien. Erika liest "Mein Kampf" und ist gegen den Nationalsozialismus gefeit. Davon erzählt der Briefwechsel nichts. Als Erika von der tödlichen Erkrankung Rilkes erfährt, wirft sie alle Bedenken über Bord, borgt sich Geld und besucht ihn, ohne Wissen ihrer Eltern, für drei Tage in Muzot. Nicht einmal zu einem Kuss sei es da gekommen, behauptet ihr Sohn. Aber die poetische Beziehung zu Rilke sei die wichtigste Erfahrung im Leben seiner Mutter gewesen, die eine bekannte Schriftstellerin und 95 Jahre alt wurde.

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