Zwischenruf

Zwischenruf

von Superintendent Manfred Sauer (Villach, Kärnten)

Der Geist macht lebendig und frei

In dem Essayband "Das weiße Gedicht" von Reiner Kunze findet sich auch ein sehr schönes Bild von Jan Balet. Jan Balet, war ein deutsch-US-amerikanischer Maler, Zeichner und Illustrator. Beeinflusst von der Stilrichtung Naive Kunst arbeitete er vor allem als Grafiker und Illustrator von Kinderbüchern. Er ist 2009 in der Schweiz gestorben.

Das Bild trägt den Titel: Die Wintereisenbahnerhochzeit. Zu sehen ist ein Brautpaar, sie in Weiß, er im Hochzeitsanzug, Hut und Handschuh in der Rechten, ein Junge, der den Brautschleier trägt, ein Mädchen und die Gäste. Sie haben sich vor einer Lokomotive in Position gebracht, wie man sich für ein traditionelles Hochzeitsfoto in Position bringt: das Brautpaar in der Mitte, zu beiden Seiten die Kinder, dahinter die Gäste. Alle blicken, als habe der Fotograf soeben gesagt: "Bitte recht freundlich!" Die Lokomotive ist mit Fähnchen geschmückt. Ringsum nichts als Gleise im Schnee, die bis über den Horizont führen.

Das Besondere und Ungewöhnliche: Die Lokomotive steht nicht auf den Gleisen, sondern quer zu den Gleisen, genau im Winkel von 90 Grad, wie hingetragen und zurechtgerückt. Und obwohl sie nirgendwo hinfahren kann, steht sie unter Dampf.

Für mich ist die Lokomotive ein Bild für unser Leben. Wir sind unterwegs. Es gibt in unserem Leben unterschiedliche Weichenstellungen. Es gibt Hoch-Zeiten in denen wir glücklich und zufrieden sind, vielleicht sogar euphorisch, weil einiges gelungen ist, von dem, was wir uns vorgenommen haben, weil die Matura geschafft, die Arbeit abgeschlossen ist. Weil wir Zuspruch und Anerkennung erfahren, weil das Leben leicht ist.

Wir wissen, es gibt im Zug des Lebens unterschiedliche Abteils. Die wenigsten reisen 1. Klasse und manche riskieren sogar ihr Leben, um aufzuspringen, auf den europäischen Zug, um in das gelobte Land zu kommen, um es vielleicht auch einmal besser zu haben. Sie brechen auf und fahren übers Meer in der Ungewissheit, ob sie diese Überfahrt überleben und jemals ankommen werden.

Es gibt die dunklen Momente, wenn der Zug auf offener Strecke halten muss. Wenn unvorhergesehen Katastrophen einbrechen. Die Gleise sind gelegt. Wer stellt die Weichen? Was ist vorherbestimmt, was liegt in unserer Macht? Was fällt uns zu, was geht auf unser Konto? Was müsste sich ändern?

In dem Bild von Jan Balet steht die Lokomotive quer und dampft. Das signalisiert für mich ein Aufforderung, sich auch manchmal querzustellen, nicht alles mitzumachen, sondern Widerstand zu leisten. Vielleicht auch manchmal die Notbremse zu ziehen um deutlich zu machen: Es braucht einen Wendepunkt, ein Umdenken, eine Umkehr. Sich nicht nur empören, sondern es anders versuchen. Notwendige Weichenstellungen stehen dringend an, dort wo Korruption und ungebremste Gier katastrophale Schäden anrichten. Weichenstellungen sind vorzunehmen, wo Menschen ausgebeutet und in Abhängigkeit gehalten werden.

Wir haben vor wenigen Tagen das Pfingstfest gefeiert .Pfingsten ist auch das Fest neuer Weichenstellungen, denn bei den Jüngerinnen und Jüngern damals war der Dampf und die Luft draußen. Sie waren verunsichert, verängstigt, ohne Zukunftsperspektive. Sie hatten das Gefühl, gescheitert zu sein und den destruktiven Kräften nicht gewachsen. Doch dann geschieht das Unglaubliche. Der Heilige Geist reißt die verriegelten Türen auf, wirbelt alles durcheinander, reinigt und belebt. Der Heilige Geist vermittelt neuen Dampf, er richtet auf und macht Mut, das, was Jesus begonnen hat, fortzusetzen. Hinauszugehen und das Evangelium zu verkünden. Die Herzen der Menschen zu berühren.

Der Geist macht lebendig und er befreit, schreibt Paulus im Römerbrief. Der Geist macht lebendig dann, wenn wir gar nicht damit rechnen. Er richtet auf und beflügelt, er setzt in Bewegung dann, wenn wir das Gefühl haben, auf dem Abstellgleis zu stehen. Der Geist macht lebendig, damit wir, wie bei einem Hochzeitsfest, die Schönheit des Lebens spüren und feiern. Der Geist befreit aus falschen Zwängen damit wir uns für die Freiheit anderer stark machen.

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