Im Gespräch

"Wer sich schreibend verändert, ist ein Schriftsteller."
Renata Schmidtkunz spricht mit Martin Walser, Schriftsteller

Kaum ein deutscher Schriftsteller geriet dermaßen ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik wie Martin Walser. Er ist heute mein Gast. Geboren 1927 in Wasserburg am Bodensee, dem - Zitat "einzig denkbaren Geburtsort. Denn Wasserburg ist sich selbst genug", wie Walsers Biograf Jörg Magenau in der 2005 erschienen Biografie schreibt.

In Regensburg und Tübingen studierte der junge Mann, wohlbehütet katholisch erzogen und auf den Fortschritt setzend, ab 1946 Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie. Hier lernt er ein Jahr später die gerade 15-jährige Ruth Klüger kennen. Ein Wiener Mädchen, Jüdin, Auschwitz-Entflohene, mit einer Nummer am Arm. Über 50 Jahre wird er mit ihr befreundet sein. Ein jähes Ende der Freundschaft kommt im Jahr 2002.

Walser, einer der produktivsten und hochdekorierten Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands, der mit allen Großen seiner Zeit befreundet oder verfeindet war und im intellektuellen und künstlerischen Diskurs mitmischte, hatte 2002 einen Roman mit dem Titel "Tod eines Kritikers" veröffentlicht. Angespielt auf den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, mit dem ihn eine Jahrzehnte lange, ambivalente Beziehung verband. Antisemitisch sei dieser Roman, befand das feuilletonistische Deutschland. Darüber ging die Lebensfreundschaft mit Klüger in die Brüche.

Dabei ist es Walser, der sich sein Leben lang mit der Schuld der Deutschen, den Verbrechen am jüdischen Volk, und vor allem dem, was man daraus zu lernen und zu verstehen hätte, beschäftigt. "Auschwitz war nicht die Hölle, sondern ein KZ in Deutschland", schreibt er 1964 nach den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt.

Genauigkeit im Denken kennzeichnet ihn. Auch, wenn er sich, als es gerade nicht opportun war, weigert, die deutsch-deutsche Teilung anzuerkennen. Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 hielt er in der Frankfurter Paulskirche eine Rede, in der er sich gegen eine Instrumentalisierung des Holocaust aussprach und ihm seither den Ruf beschert hat, ein Revisionist, ein Nationalist, ein Aufrufer zum Vergessen zu sein.

Walser ist seit 1950 mit seiner Frau Käthe Neuner-Jehle verheiratet und Vater von vier Töchtern.
Unsere Begegnung im Studio des Südwestrundfunks in Mainz begann mit einem Walser-Satz: "Ich bin sehr gespannt auf unser Gespräch!" Neugierde schafft beste Voraussetzungen.

Service

Erscheinungen der letzten 7 Jahre:

"Angstblüte", Roman, Rowohlt, Reinbek 2006
"Der Lebensroman des Andreas Beck", Edition Isele, Eggingen 2006
"Das geschundene Tier. Neununddreißig Balladen", Rowohlt, Reinbek 2007
"Ein liebender Mann", Roman, Rowohlt, Reinbek 2008
"Leben und Schreiben", Tagebücher 1963-1973, Rowohlt, Reinbek 2008
"Mein Jenseits. Novelle", Berlin University Press, Berlin 2010
"Leben und Schreiben", Tagebücher 1974-1978, Rowohlt, Reinbek 2010
"Muttersohn", Roman, Rowohlt, Reinbek 2011
"Meine Lebensreisen". Corso, Hamburg 2012
"Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse", Rowohlt, Reinbek 2012
"Das dreizehnte Kapitel", Rowohlt, Reinbek 2012
"Meßmers Momente", Rowohlt, Reinbek 2013
"Die Inszenierung", Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, auch als E-Book

Sendereihe