Gedanken für den Tag

von Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer. "Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden" - Zum 100. Todestag des Dichters Georg Trakl. Gestaltung: Alexandra Mantler

"Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische;
Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne;
Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden."

So beginnt eine Strophe von Georg Trakls Gedicht "Frühling der Seele". Die drei Verszeilen wirken so stark, weil das Fremdsein der Seele nicht als subjektives Erlebnis beschrieben wird, sondern zur generellen Aussage gerinnt, an der nicht zu rütteln scheint: "Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden." Der Satz als solcher klingt nach der alten christlichen Vorstellung von der Pilgerschaft der Seele auf Erden, bevor sie heimgerufen wird in den Himmel. Die nächsten Sätze des Gedichts setzen auch eine sakrale Welt ins Bild, aber sie ist eingedunkelt und gebrochen.

"Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht" schreibt Trakl in einem Brief. Viele Trakl-Gedichte führen das Entzweibrechen der Welt in unvergesslichen Bildern vor - als individuelle, aber vor allem auch als Zeiterfahrung.

"Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen", schreibt Trakl einige Sätze später in demselben Brief. Wichtiger als zu wissen, welches Erlebnis diese Briefstelle ausgelöst hat, ist mir der Satz selbst: "Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen." Er gehört zur eisernen Reserve meiner unvergesslichen Sätze - ein Satz, der auf mich wartet und mich abholt, wenn mir die Welt entzweibricht, ein Satz, der mich nicht allein lässt, wenn ich selbst nichts mehr sagen kann.

Die Trakl-Preisträgerin Ilse Aichinger hat am besten beschrieben, wie Trakl den Schmerz verwandeln kann:

"Von der ‚Süße der traurigen Kindheit' bis zu den zerfetzten Rändern seiner Existenz hat die Angst ihn nie verlassen. Er holt aus den Todeskämpfen seiner Tage die stillen Nachmittage, die wir notwendig haben, die Gefasstheit der schmerzenden Vormittage, an denen unser Leben hängt. Er holt aus dem Untergang, der so früh bei ihm begann, noch die Freude des Entdeckens, den Geschmack des Weins und der Nüsse, die schöne Stadt. Er erleidet alles und schmilzt es ein."

Service

Werke von Georg Trakl:

Sämtliche Gedichte. Insel Verlag 2014

Das dichterische Werk. Deutscher Taschenbuch Verlag

Werke, Entwürfe, Briefe. Hrsg. v. Georg-Hans Kemper und Frank R. Max. Reclam Verlag


Werke über Georg Trakl:

Hans Weichselbaum: Georg Trakl. Eine Biographie. Otto Müller Verlag 2014

Rüdiger Görner: Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme. Paul Zsolnay Verlag 2014


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Sendereihe

Playlist

Komponist/Komponistin: Erik Satie/1866 - 1925
Titel: Trois Airs a faire fuir aus Pieces froides
* Nr.1 D'une maniere tres particuliere (00:02:34)
Frostige Stücke
Solist/Solistin: Gerhard Erber /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: Ars vivendi 2100210

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