Hermann Leopoldi

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Radiokolleg

Radiokolleg - Einfach immer weiterspielen

Der Komponist und Klavierhumorist Hermann Leopoldi (1).
Gestaltung: Sabrina Adlbrecht

In einem kleinen Café in Hernals, Schön ist so ein Ringelspiel, I bin a stiller Zecher - diese typischen Wienerlieder sind heute - auch außerhalb der Bundeshauptstadt - noch den meisten ein Begriff. Komponiert und erstmals gesungen wurden sie von Hermann Leopoldi, einem der meistgefeierten Interpreten des deutschsprachigen Schlagers der 1920er bis 1950er Jahre. Er selber hat sich am liebsten als "Klavierhumorist" bezeichnet - und das traf es wohl auch: Denn musikalisches Können und komisches Talent hatten sich in dem eher fülligen, rundgesichtigen Mann mit der schnarrenden Stimme auf einzigartige Weise verbunden.

Zugleich steht Hermann Leopoldi mit seiner Vita für drei wesentliche Perioden der Wiener, der österreichischen und der gesamteuropäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Geboren 1888 als Sohn einer jüdischen Familie, wuchs er noch in der Donaumonarchie auf. 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, hatte Leopoldi seinen ersten großen Auftritt im legendären Etablissement Ronacher; dann, nach dem Krieg, als der Hunger nach Unterhaltung besonders groß war, ging die Karriere erst so richtig los: Hermann Leopoldi avancierte zu einem der beliebtesten Liederkomponisten und Vortragskünstler und arbeitete mit den besten Textern der Zeit zusammen - mit Peter Herz, Fritz Löhner-Beda, Theodor Waldau, Robert Gilbert, um nur einige zu nennen. Es folgten Auslandsgastspiele und Tourneen.

Jäh unterbrochen wurde Leopoldis Karriere 1938 mit dem sogenannten Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland. Leopoldi wurde zunächst ins KZ Dachau, dann nach Buchenwald deportiert. Nach Monaten gelang es seiner Frau, die in die USA entkommen war, ihn freizukaufen. 1939 emigrierte auch er in die Vereinigten Staaten. Er eröffnete dort ein Lokal und lernte Helly Möslein kennen, die seine Partnerin auf der Bühne wie im Leben werden sollte.

Nach Kriegsende war Hermann Leopoldi einer der wenigen Künstler jüdischer Herkunft, die vom offiziellen Österreich eingeladen wurden, zurückzukehren. Und der leidenschaftliche Wiener Leopoldi kam zurück und konnte - ganz im Sinn des Wortes - "spielend" an den Erfolg der Vorkriegszeit anschließen.

Hermann Leopoldi war aber weit mehr als nur ein Unterhaltungsgenie, das lustige Schlager komponierte und interpretierte: Viele schon der frühen Lieder in den 1920er Jahren kommentierten politische Skandale und gesellschaftliche Moden; in KZ-Haft komponierte er den "Buchenwald-Marsch", und es folgten danach politische Lieder wie über Exilanten-Schicksale oder die sowjetische Besatzung und den politischen Opportunismus der Österreicher/innen.

Unter allen Regimes und in allen Verhältnissen hat Hermann Leopoldi Musik gemacht und ist dabei immer eines geblieben: der "Unverbesserliche Optimist", als den er sich schon 1929 selber besang.

Service

Gesammelte Werke von Hermann Leopoldi und 11 Lieder von Ferdinand Leopoldi, hg. von Ronald Leopoldi und wissenschaftlich bearbeitet von Christoph Lind und Georg Traska (Beiträge zur Wiener Musik, Bd.2), 2011
Vertrieb: Musikverlag Doblinger

Georg Traska, Christoph Lind: Hermann Leopoldi, Hersch Kohn. Eine Biographie, Mandelbaum Verlag 2012

Franziska Ernst: Hermann Leopoldi: Biographie eines jüdisch-österreichischen Unterhaltungskünstlers und Komponisten. Diplomarbeit an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, 2010 (Online-Version)

Hans Weiss, Ronald Leopoldi (Hrsg.): Hermann Leopoldi und Helly Möslein. "In einem kleinen Café in Hernals …". Eine Bildbiographie. Mit einem Werkverzeichnis von Vladimira und Hans Werner Bousska, Edition Trend S 1992

Historische Aufnahmen Hermann Leopoldis bei Preiser Records
"Österreich am Wort" über Hermann Leopoldi
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