Zwischenruf

Zwischenruf

von Pfarrer Michael Chalupka (Wien)

Ich schenke Euch ein Herz aus Fleisch

Endlich! Der Blick richtet sich nach vorne. Ein neues Jahr beginnt. Nur nicht zurückschauen. Zu viel Gewalt, zu viel Elend, zu viel Angst und Verunsicherung liegen hinter uns.

Da kommt die Jahreslosung für 2017 - jener Bibelvers, der durchs Jahr begleiten soll und der in den Evangelischen Kirchen immer schon 3 Jahre im Voraus ausgewählt wird, gerade recht: "Gott spricht: Ich schenke Euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in Euch." (Ezechiel 36,26)

Doch was nach Anfang klingt und nach Morgen riecht, steht nicht am Anfang der Prophetie des Ezechiel, sondern an ihrem Ende. Hören wir Ezechiel sprechen, dann hören wir einen Flüchtling, der alles erfahren und erlebt hat, was Menschen widerfahren kann. Der gesehen hat, wie Menschen gestorben sind, verhungert und geschwächt auf dem langen Weg der Deportation von Jerusalem nach Babylon. Der gesehen hat, wie Frauen verschleppt und vergewaltigt wurden. Der das Wehklagen seines Volkes schlucken musste und verstummte, um erst später wieder sprechen zu können.

Das ganze Buch des Propheten Ezechiel ist ein Ringen ums Überleben - und dann diese Worte: "Ich will Euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in Euch geben und will das steinerne Herz aus Eurem Fleisch wegnehmen und Euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in Euch geben und will solche Leute aus Euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun." (Ezechiel 36,26f.)

Der Satz vom neuen Anfang steht am Ende des Buchs Ezechiel. Das Heil muss sich lange durch das Unheil hindurcharbeiten. Doch das Heil entsteht nicht durch Arbeit. Es wird geschenkt. Das neue Herz wird geschenkt und nicht erarbeitet; der neue Geist wird gegeben und nicht erlernt.

"Ich will das steinerne Herz aus Eurem Fleisch wegnehmen und Euch ein fleischernes Herz geben." Ein Herz aus Fleisch, das klingt warm und nach Leben. Doch ein Herz aus Stein ist gar nicht so unpraktisch. Das Herz aus Stein spürt den Schmerz nicht. Es kann kühl bleiben, wenn es berührt wird. Aus Steinen kann man Mauern bauen, die einen zu schützen scheinen vor den Gefahren der Welt, dem Terror und der Angst.

Das steinerne Herz wird aus dem Schmerz, der Angst und der Überforderung geboren. Das braucht sich niemand vorwerfen lassen. Es ist die materialisierte Strategie, mit etwas umzugehen, mit dem man nicht umgehen will und kann. Sich unempfindlich machen zu wollen, sich immunisieren zu wollen gegen die Bedrohungen der Welt - das steckt in uns allen, seien wir Flüchtlinge oder Bürger der noch sicheren und doch gefährdeten Welt Europas.

Aber ein Herz aus Stein ist kein menschliches Herz. Nur ein Herz aus Fleisch springt vor Freude, empfindet den Schmerz, ist verletzlich. Das macht uns zu Menschen.

Das Buch des Ezechiel, aus dem die Jahreslosung 2017 stammt, ist ein Buch voller Gewalt, voller Elend, voller Angst und Verunsicherung und zum Ende hin voller Hoffnung und Zuversicht. Was Ezechiel rund 6 Jahrhunderte vor Christi Geburt erlebte, das erlebten die Menschen im belagerten Aleppo, auf den Booten im Mittelmeer und auf der Balkanroute im Jahr 2016. Das Buch Ezechiels hören wir noch immer in den Gottesdiensten. Die Bücher über Aleppo, über die Wasserwerfer von Idomeni und den Stacheldraht an der ungarischen Grenze müssen erst geschrieben werden. Ich stelle mir vor, wie sie in zehn Jahren auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden. Die Literatur der Überlebenden wird gefeiert werden und betroffen gelesen. 2063 werden sich die Eliten Europas zum 50-jährigen Gedenken der Opfer der Katastrophe von Lampedusa treffen, sich für das Versagen ihrer Vorgänger entschuldigen und die Herzen aus Stein beklagen, wie wir es heute tun, denken wir an vergangene Zeiten.

Darauf aber müssen wir nicht warten. Denn die Zusage gilt 2017: Ich gebe Euch ein neues Herz und einen neuen Geist, das steinerne Herz nehme ich aus Eurer Brust und schenke Euch ein fleischernes Herz. Ein Herz zum Fühlen, ein empfindsames Herz, ein mitfühlendes Herz und ein Herz, das sich anrühren lässt und verletzlich ist, ein Herz das lebt. Ein solches Herz haben wir geschenkt bekommen. Hören Sie in sich hinein, Sie hören es schlagen.




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