Ein Klassiker der Zukunft

Royal Stockholm Orchestra, Dirigent: Sakari Oramo; Eric Ericson Kammerchor; Ingela Brimberg, Sopran; Anna Larsson, Alt; Michael Weinius, Tenor; Gabriel Suovanen, Bariton. Anders Eliasson: "Dante Anarca", Oratorium (aufgenommen am 10. März 2016 im Konzerthaus Stockholm). Präsentation: Peter Kislinger

Ein Klassiker der Zukunft

Das symphonische Oratorium "Dante Anarca" (1998) ist Anders Eliassons längstes, vielleicht bedeutendstes und, wie sein Biograph Tony Lundman meint, "mit all den faszinierenden Facetten, die ihn zu einem der wichtigsten Komponisten der Jahrtausendwende machten, sein revolutionärstes Werk." Sakari Oramo, der finnische Chefdirigent des Royal Stockholm Philharmonic, spricht von einem "Klassiker der Zukunft". Zeitgenössische Musik, das war 1998 für Oramo, der eine Woche vor der Uraufführung krankheitsbedingt absagen musste, Musik von Murail, Lindberg oder Saariaho. Als er Eliassons Partitur sah, war er verblüfft: "So kann man also auch komponieren!" Er hatte bereits 1996 ein Konzert mit Eliassons Musik geleitet, Dante Anarca bedeutete aber dessen endgültigen "Durchbruch zu einem melodisch-linearen Stil", was sich auch vom Verhältnis zum vom Sängerquartett und Chor italienisch gesungenen Text erklären lässt, der auf "Dante Anarca e i suoi maestri" beruht, einer Dichtung von Giacomo Oreglia (1924-2007) Mit Dante ist Dante Alighieri (1265-1321) gemeint, der Dichter der "(Divina) Commedia". "Anarca" ist ein Begriff, den Oreglia in seiner ursprünglichen Bedeutung versteht: "an-archos", ohne Herrschaft. In Oreglias "Poemetto", einem Hohelied geistig-kreativer Unabhängigkeit, fand Eliasson die Bestätigung seiner Ethik und Ästhetik. Oreglias Dante spricht mit seinen "Lehrmeistern": Virgil; der Jungfrau Maria (was 1998 im protestantisch geprägten Geistesleben Schweden Befremden auslöste); Gioacchino da Fiore; Franziskus von Assisi und Siger von Brabant. Der sechste Meister des Titels ist Dante, sein "eigener Meister". Oreglia verwendet Texte und Ereignisse aus dem italienischen Spätmittelalter und der Frührenaissance; die sieben Abschnitte des Textes und der Musik kommentieren indirekt und direkt die Gegenwart.

"Entdeckung" einer neuen Tonsprache

Oreglia war dem Komponisten noch nie begegnet, als er ihm noch vor der Veröffentlichung das Manuskript von Dante Anarca schickte. Für den in Mittelschweden geborenen Eliasson war die Lektüre "ein Schock". Er, für den die Dreizahl in seiner Musik eine große Bedeutung gewonnen hatte, erkannte sich vor allem in Gioacchino da Fiore wieder. Dessen chiliastische Lehre von den drei Zeitaltern hatte er, ohne da Fiore zu kennen, "genau so" für sich formuliert. Im tausendjährigen Friedensreich Jesu werde es "keine großartigen Hirten mehr / und auch keine elende Herde mehr" geben. Die Verheißung, "Paracletos Gaben" würden "jenseits aller Hierarchie" allen zuteil, gipfelt im Hymnus: "Ubi spiritus / ibi libertas" (Wo der Geist / dort ist Freiheit). Eliasson fand seine Suche nach einer neuen Tonalität in den Worten bestätigt, mit denen da Fiore charakterisiert wird; seine "Entdeckung" des "triangulatorischen Systems, das kein System ist", als Ende eines in der europäischen Musik seit Beginn des 20. Jahrhunderts andauernden "Provisoriums" bzw. einer als "kurial-diktatorisch" empfundenen modernistischen Musikästhetik empfunden und sich mit dem Du, das da Fiore gilt, identifiziert: "Du bist derjenige / der unser Provisorium / gedeutet / dechiffriert / beschworen / und demaskiert hat".

Fino e principio

Auch andere Verse entsprachen Eliassons Persönlichkeit. Wenn Eliasson etwa vom "Chaos, das in dieser Welt herrscht", sprach oder gegen die "Fratze des Waffenhandels" und das "infernalische Netzwerk der Parteimaffien" Brandreden hielt, so hörte man Zitate aus Dante Anarca. Der Großteil des 84-minütigen Werkes war in zwei Monaten fertig. "Nur der Teufel hätte die Niederschrift verhindern können." Nach dem letzten Takt, auf Seite 237, schrieb Eliasson "Fino e principo", Ende und Anfang. Dante Anarca werde er wohl kein zweites Mal mehr im Konzert hören, befürchtete er. Er sollte Recht behalten. In den letzten Wochen seines Lebens, bereits von der Krebskrankheit gezeichnet, legte er sich auf das Bett im Arbeitszimmer, das sein Sterbezimmer werden sollte, und hörte gemeinsam mit Verwandten oder Freunden den von Manfred Honeck dirigierten Mitschnitt der Uraufführung vom 18. Dezember 1998. Eliasson verstarb im Alter von 66 Jahren am 20. Mai 2013.

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Anders Eliasson / 1947-2013
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Giacomo Oreglia / 1924-2007
Titel: Dante Anarca - Symphonisches Oratorium nach der Dichtung "Dante Anarca e i suoi sei maestri" von Giacomo Oreglia
* Da un dialogo e Sei l'anarca dell´ universo - Prolog
* Allegretto. Meno mosso. Più mosso (Tempo I) Largo -
* La candida rosa
* Giovacchino (Gioacchino da Fiore)
* Francesco (d'Assisi)
* La luce eterna di Sigieri (da Brabante) -
* Durante del Vergilio
Solist/Solistin: Ingela Brimberg / Sopran
Solist/Solistin: Anna Larsson / Alt
Solist/Solistin: Michael Weinius / Tenor
Solist/Solistin: Gabriel Suovanen / Bariton
Chor: Eric Ericson Kammerchor
Orchester: Royal Stockholm Philharmonic Orchestra
Leitung: Sakari Oramo
Dirigent: Sakari Oramo
Länge: 82:40 min
Label: EBU

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