Späte Werke

London Symphony Orchestra, Dirigent: Sir Simon Rattle; Isabelle Faust, Violine. Leos Janácek: Ouvertüre zur Oper "Aus einem Totenhaus" Elliott Carter: Instances Alban Berg: Konzert für Violine und Orchester, "Dem Andenken eines Engels" * Béla Bartók: Konzert für Orchester Sz 116 (aufgenommen am 14. Jänner in der Barbican Hall in London).
Präsentation: Bernhard Fellinger

Diese späten Werke von vier Komponisten zeigen, dass diese sogar am Rande des Todes zu vitalen, ja geradezu überraschenden Ausbrüchen von Kreativität fähig waren.

Janáceks Ouvertüre zu seinem letzten vollendeten Werk kreist um ein einzelnes Thema. Wir hören es wieder und wieder und zu jeder Zeit, er zwingt uns in eine neue Perspektive, um tiefer und tiefer in feine Details hineinzuhören. Es ist beinahe erstickend. Es fühlt sich an, als gäbe es keine Möglichkeit zur Flucht. Aber was gäbe es für einen besseren Weg, das Publikum in die Lage von Lagerinsassen zu versetzen, die diese Oper bevölkern, als zu sagen: gefangen!

Was für eine Erleichterung ist es also, wenn sich Carter's Komposition "Instances" durch einen kontinuierlichen Strom von frischen musikalischen Ideen selbst erneuert! Sein letztes Orchesterwerk, geschrieben im Alter von 103, stellt nicht mehr die Herausforderung an das Gehör dar, wie sie es in seinen früheren Werken gibt, die für komplizierte strukturelle Ideen eintreten mit dichten, beinahe undurchsichtigen Partituren. Dafür hören wir hier zarte kurze musikalische Momente, jeder noch schöner gestaltet als der vorhergehende, wobei einer nach dem anderen aufblüht wie getrennte Beispiele von verborgenen Ideen, nichts anderes zelebrierend, als die reine Freude darüber, etwas Neues zu schaffen.

Berg wurde nicht einmal halb so alt wie Carter. Und sein letztes vollendetes Werk, das Violinkonzert, scheint auf eine späte Schaffensperiode hinzuweisen, die es nie gegeben hat. Er setzte sich sein Leben lang mit einer einzelnen Frage auseinander: wie man Musik komponieren könnte, die den offensichtlichen Konflikt zwischen der Strenge eines Systems und dem freien Gefühlsausdruck, zwischen den Konventionen der Tradition und den Möglichkeiten der Zukunft lösen könnte. Und in diesem herzergreifenden Werk - "Dem Andenken eines Engels" gewidmet - dürfte er seine Antwort gefunden haben.

Bartóks Konzert für Orchester, obwohl es nicht sein letztes Werk ist, bietet ein ähnliches Gefühl persönlicher Entschlossenheit. Pierre Boulez nannte den Komponisten den "großen Synthesizer", weil er gegensätzliche Stile und Traditionen zu einer einzelnen zusammenhängenden Identität verschmelzen konnte. Und das ist genau das, was ein großes Orchester tut. Im besten Sinne ist es eine Zusammenkunft, die zu einem größeren Ganzen führt. Und dieses Stück feiert diese Idee mit Musik, die jede Orchestergruppe glänzen lässt.
(BBC)

Sendereihe

Playlist

Komponist/Komponistin: LEOS JANÁCEK/1854-1928
Titel: Ouvertüre zur Oper "Aus einem Totenhaus"
Orchester: London Symphony Orchestra
Leitung: Sir Simon Rattle
Länge: 05:36 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: ELLIOTT CARTER/1908-1912
Titel: Instances for chamber orchestra (2012)
Orchester: London Symphony Orchestra
Leitung: Sir Simon Rattle
Länge: 07:34 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: ALBAN BERG/1885-1935
Titel: Konzert für Violine und Orchester "Dem Andenken eines Engels"

* Andante - Allegretto - 1.Satz
* Allegro - Adagio - 2.Satz
Solist/Solistin: Isabelle Faust/Violine
Orchester: London Symphony Orchestra
Leitung: Sir Simon Rattle
Länge: 29:23 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: BÉLA BARTÓK/1881-1945
Titel: Konzert für Orchester Sz 116

* Introduzione. Andante non troppo - Allegro vivace - 1.Satz
* Giuoco delle coppie. Allegretto scherzando - 2.Satz
* Elegia. Andante, non troppo - 3.Satz
* Intermezzo interrotto. Allegretto - 4.Satz
* Finale. Pesante - Presto - 5.Satz
Orchester: London Symphony Orchestra
Leitung: Sir Simon Rattle
Länge: 38:51 min
Label: EBU

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