Im Auge der Zeit

Schönheitsideale und Körperkult. Mit Otto Penz, Wissenschafter am Institut für Soziologie der Universität Wien und Autor des Buchs "Schönheit als Praxis: Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit".
Gestaltung: Daphne Hruby

Auch wenn ein Foto der Venus von Willendorf Ende Februar 2018 von einer gewissen Internetplattform als Pornografie eingestuft und deswegen zensuriert wurde, so gilt diese knapp 30.000 Jahre alte Sedimentgesteins-Figur den meisten Menschen heute wohl nicht mehr als Inbegriff eines Schönheitsideals - ihrem Erschaffer, der in der jüngeren Altsteinzeit lebte, aber sehr wohl.

Die Ästhetik der Antike wiederum kommt unserem heutigen Verständnis von Schönheit schon viel näher. Gut sichtbar wird das an der Aphrodite von Knidos-Statue, die als Paradebeispiel von weiblichem Anmut in die damalige Geschichte einging: ein jugendlich-strammer Körper, ein sinnlicher Blick und kunstvoll aufgesteckte Haare. Die antiken Abbilder der Männer zeigen muskulöse Körper, ganz im Zeichen eines durchtrainierten Olympia-Athleten.

Wohl auch den zahlreichen Hungersnöten und Katastrophen - wie dem Dreißigjährigen Krieg - und den damit einhergehenden ausgezehrten Körpern geschuldet, galt im Barockzeitalter eine mollige Figur als erstrebenswert. Überhaupt wird oft das als schön eingestuft, was rar und schwer zu erreichen ist.

Im viktorianischen Bürgertum wurde dann das Motto "Wer schön sein will, muss leiden" zur Maxime erhoben. Man schnürte Frauen in Korsetts, um eine völlig unnatürliche Wespentaille zu erzwingen.
Anhand des Nationalsozialismus wird gut ersichtlich, dass Körperkult auch zum Politikum werden kann, Stigmatisierung oder gar Verfolgung mit eingeschlossen.

Was als schön gilt und was nicht, liegt bekannterweise im Auge des Betrachters. Doch dieser Blick ist wiederum stark von der jeweiligen Gesellschaft und Zeit geprägt. Das gilt bis heute. Denn auch wenn die Medien diesbezüglich ein ziemlich einheitliches Bild transportieren, so zirkulieren weltweit teils recht unterschiedliche Auffassungen. In einigen afrikanischen Ländern etwa gelten üppige Frauen als fruchtbar und daher auch begehrenswert.

In Indien wiederum streben alle Menschen einen besonders hellen Hautteint an, während die Bewohner/innen westlicher Industrienationen scharenweise ins Solarium rennen. Nicht zuletzt wird der Zeitgeist auch von neuen technischen Entwicklungen geprägt. Stichwort "Self-Tracking", bei dem Anhänger/innen jeden einzelnen Schritt und Tritt ihres Lebens mitmessen. Das Ziel: besonders gesunde, erfolgreiche und sportliche Körper.

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