Leonard Bernstein

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Reinhard Scolik über Leonard Bernstein

"Das Höchste und das Weiteste" - Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein macht sich Reinhard Scolik, Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks, Gedanken zu und von dem Menschen und Musiker. - Gestaltung: Alexandra Mantler

"Stille ist unsere innerlichste Art des Tuns. Wir erreichen das Höchste in Meditation, das Weiteste im Gebet. Doch Stille verlangt eine tiefgründige Disziplin, man muss sie sich erarbeiten."

Gerade von Leonard Bernstein, dem exzessivsten Dirigenten diese Worte über Stille und Disziplin? Das Exzessive und das Disziplinierte machen das Sternbild der Jungfrau aus. Sie kennt kein Mittelmaß, ist meine Erfahrung.

Ich bin Bernstein nur ein einziges Mal persönlich begegnet. Es war DIE Enttäuschung. Der große Dirigent hatte kein einziges freundliches Wort für den jungen, etwas streberhaften Mann, der ihn bewunderte. Ich verkörperte so ziemlich genau das, was er nicht mochte. Aber das ist ganz egal.

"Wenn ich Sie höre, weiß ich, warum Sie geboren wurden", sagte Boris Pasternak einmal zu Bernstein nach einem Konzert.

Leonard Bernstein hat heute seinen 100. Geburtstag. Was sollen wir ihm schenken, ihm, der jetzt alles hat? Denken wir darüber nach, was er uns geschenkt hat! Bernsteins persönliches Lieblingsalbum war eine Orchesterbearbeitung von Beethovens Streichquartett cis-moll op. 131, die er 1977 mit den Wiener Philharmonikern eingespielt hatte. Damals, beim Konzert dabei sein zu dürfen, und 1974 mit dem Adagio aus der Zehnten Symphonie und der Ersten Symphonie von Mahler musikalisch erweckt worden zu sein, das hat er mir geschenkt.

Niemals davor hatte ich Mahler gehört und niemals zuvor einen Menschen wie Bernstein beim Dirigieren gesehen und gespürt. Da wusste ich, dass es sich gelohnt hatte, jahrelang allein über eine Stunde in den Musikverein mit der Straßenbahn zu fahren. Alle andern fuhren ins Popkonzert, ich natürlich auch mit ihnen. Und während alle vor Glück mitgerissen wurden, passierte nichts mit mir, außer dass ich simulierte, wie toll das war. Ich fuhr allein ins Konzert, um Bach, Schubert, Mozart, Beethoven, Mahler zu hören und musste nichts tun, weil mein Herz sofort aufging und mich mitnahm.

Mein Sohn, der auch heute Geburtstag hat, heißt mit drittem Namen Leonard, das ist nach IHM. Happy Birthday, Euch beiden!

Service

Leonard Bernstein, "Worte wie Musik", Verlag Herder
Jonathan Cott, "Leonard Bernstein. Kein Tag ohne Musik", Verlag btb
Peter Gradenwitz, "Leonard Bernstein. Eine Biografie", Atlantis Musikbuch

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Ludwig van Beethoven/1770 - 1827
Bearbeiter/Bearbeiterin: Dimitri Mitropoulos
Titel: Streichquartett Nr.14 in cis-moll op.131 / Bearbeitung für Streichorchester
* Presto - 5.Satz (00:06:04)
Quartett für Streicher
Orchester: Wiener Philharmoniker
Leitung: Leonard Bernstein
Länge: 06:03 min
Label: DG 419 439-2

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