Passant auf der Straße in Weißrussland

ORF/RAINER ELSTNER

Radiokolleg

Radiokolleg - Weißer Fleck in Europa

Weißrusslands unsicherer Kurs zwischen Ost und West (4). Gestaltung: Brigitte Voykowitsch

Republik Belarus nennt sich das Land zwischen Polen und Russland, wobei der Ursprung des Namens bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Im Deutschen spricht man von Weißrussland, auch hier bevorzugen Expert/innen aber immer häufiger den Begriff Belarus, um eine klare Abgrenzung zum östlichen Nachbarn zu ziehen. Zugleich dient das "Weiß" weiterhin für zahlreiche Metaphern.

Denn Weißrussland gilt als der weiße Fleck auf der Landkarte Europas, bis heute ist es für die meisten Europäer eine "Terra Incognita" geblieben. Es handelt sich um eine Region, in der sich erst sehr spät ein Nationalbewusstsein im modernen Sinn entwickelte und die - von einem kurzen, bald gescheiterten Versuch Anfang des 20. Jahrhunderts abgesehen - erst mit dem Zerfall der Sowjetunion ihre staatliche Unabhängigkeit erlangte.

Historiker/innen sprechen von einer Geschichte tragischer Risse und Brüche. Lange gehörte die Region zum großen polnisch-litauischen Reich, dann zum russischen Reich, später zur UdSSR. Als Hitler-Deutschland zunächst Polen und dann die Sowjetunion überfiel, kam es zur schlimmsten Tragödie. Im Holocaust wurde eine Jahrhunderte alte, überaus reiche jüdische Kultur vernichtet. Die Aufarbeitung ist erst in den vergangenen Jahren mühsam in Gang gekommen.

In zahlreichen weißrussischen Städten, wo einst mehr als 50 Prozent der Bewohner/innen Juden waren, muss man heute gezielt suchen, um noch Spuren dieser brutal ausgelöschten Welt zu entdecken. Die Last der Geschichte nennen Expert/innen als einen möglichen Grund dafür, dass die Mehrheit der Weißrussen bis heute scheinbar widerspruchslos den autokratischen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka akzeptiert, den "letzten Diktator Europas", wie er im Westen genannt wird.

Aber auch die Sorge vor den Folgen einer Revolution wie in der Ukraine spielt eine Rolle. Weißrussland unterhält zwar enge Beziehungen zu Moskau, seit der Eskalation des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland versucht Lukaschenka allerdings einen unabhängigeren Kurs zu steuern und sich als Vermittler zwischen Moskau und Kiew zu etablieren.

Von einer Multivektor-Politik ist offiziell die Rede, man will mit allen Nachbarn, und mit Moskau ebenso wie mit Brüssel, einen möglichst ausgeglichenen Kurs fahren. Junge, gebildete Weißrussen blicken freilich oft nach Westeuropa und suchen dort ihr Glück. Dabei hat ihr Land durchaus Potenzial, wie die rasante Entwicklung des IT-Sektors in den vergangenen Jahren belegt.

Hier, meinen erfolgreiche Vertreter der IT-Branche, könne man im positiven Sinne aus dem sowjetischen Erbe schöpfen - nämlich aus den hohen technischen und naturwissenschaftlichen Bildungsstandards, die Weißrussland bewahrt und weiterentwickelt habe.

Service

Literatur:

Valentin Akudowitsch: "Der Abwesenheitscode: Versuch, Weißrussland zu verstehen". Aus dem Russischen von Volke Weichsel, Edition Suhrkamp 2013.

Artur Klinau: "Minsk: Sonnenstadt der Träume". Aus dem Russischen von Volke Weichsel, Edition Suhrkamp 2015.

Jack Kagan: "Novogrudok: The History of a Shtetl". Vallentine Mitchell Publishers 2006.

Jack Kagan: "Surviving the Holocaust with the Russian Jewish Partisans". Vallentine Mitchell Publishers 2001.

In deutscher Bearbeitung:
Adam Kerpel-Fronius (Hrsg.), Jack Kagan: "Freiheit, Krieg und Rache: Überleben bei den jüdischen Partisanen". Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas 2012.

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