Karl Jaspers

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Wolfgang Müller-Funk über Karl Jaspers

"Spurensuche des vergangenen Jahrhunderts". Anlässlich 50. Todestages von Karl Jaspers ruft der Literaturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk Stichworte aus dessen Werk und dem Briefwechsel mit Hannah Arendt in Erinnerung. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Zum Kern allen Philosophierens gehört die Frage nach der Freiheit, jener Freiheit, die auch, wie Jaspers weiß, im Phänomen des Bösen sichtbar wird. Aber Freiheit kommt für Jaspers nicht aus dem Nichts, wie es in seiner Rede zur Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahre 1958 heißt. Sie ist nicht beliebiges Meinen, sie ist nicht bloße Willkür. Sie bleibt ohne Wahrheit leer. Aber worin besteht die Wahrheit jener Philosophie, die sich als Praxis begreift und die niemals verbindlich und unbestreitbar ist wie die beweisbaren oder auch widerlegbaren Erkenntnisse insbesondere der Naturwissenschaften?

Jaspers verwirft ausdrücklich all jene Formen von Philosophie, die eine derartige Wahrheit für sich reklamieren wie die Freudsche Psychoanalyse oder die Theorie des Marxismus, Konzepte, die nach 1968 einen starken Einfluss auf die politische und kulturelle Entwicklung nehmen sollten. Ohne diesen Theorien bestimmte Verdienste abzusprechen, sind sie für ihn dogmatisch. Ihr blinder Fleck besteht darin, dass sie den kritischen Anspruch, den sie verfechten, nicht auf die eigene Theorie anwenden. Den Typus "des ständig empörten Literaten", eine bis heute verbreitete Figur, hält Jaspers für "steril": "Der Zweifelnde muss (...) nicht so sehr auf den anderen schelten als an sich selber arbeiten".

Wahrheit im philosophischen Sinne ist demgegenüber für Jaspers nicht verfügbar, sie steht nicht fest. Immer befinden wir uns auf der Suche nach ihr. Wahrheit, meint der einsame Streiter, "liegt nicht zuerst im Inhalt, sondern in der Weise, wie dieser gedacht, aufgezeigt und diskutiert wird: in der Denkungsart der Vernunft." Damit nähert sich seine Vorstellung einer Formel, die auf Franz Kafka zurückgeht und von Vaclav Havel in Erinnerung gerufen wurde. In der Wahrheit zu leben, als Individuum und als politisches Subjekt. Es ist wohl eine Wahrheit, die Philosophie, Religion und Literatur unter modernen Bedingungen gemeinsam haben.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Sergej Rachmaninoff/1873 - 1943
Titel: Sonate für Violoncello und Klavier in g-moll op.19
* Allegro scherzando - 2.Satz (00:05:50)
Solist/Solistin: Heinrich Schiff /Violoncello
Solist/Solistin: Elisabeth Leonskaja /Klavier
Länge: 05:50 min
Label: Philips 4127322

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