Maria Katharina Moser über den Anfang des Christentums in Europa

"Europa und das Christentum". Über die Anfänge des Christentums in Europa und Christinnen und Christen des heutigen Europa erzählt Maria Katharina Moser, evangelische Pfarrerin und Direktorin der Diakonie. - Gestaltung: Brigitte Krautgartner

Wie war das eigentlich, als das Christentum in Europa ankam vor 2.000 Jahren?

Paulus blickt auf die Hand, die die Tür zu seiner Gefängniszelle zuzieht. Und denkt an eine andere Hand. Eine Hand, die ihm die Tür zu ihrem Haus geöffnet hat. Die Hand der Purpurhändlerin Lydia. Am Sabbat hatte er sie kennen gelernt, draußen vor dem Stadttor von Philippi waren sie ins Gespräch gekommen. Gott hatte ihr Herz geöffnet, und Lydia verstand seine Worte recht und ließ sich taufen.

Sie öffnete ihm auch ihr Haus, ja sie drängte ihm und seinem Begleiter Silas ihre Gastfreundschaft regelrecht auf. Sie wusste wohl um die Gefahr, der die Missionare in der römischen Kolonie Makedonien ausgesetzt waren. Lydia hatte recht. Es passierte, als er und Silas am Weg zum Gebet waren. Sie begegneten einer Sklavin, die von einem Wahrsage-Geist besessen war und mit der ihre Besitzer gute Geschäfte machten. Als die Wahrsagerin ihn und Silas sah, schrie sie: "Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen!"

Zuerst nahm er es gelassen. Aber nachdem das einige Tage so ging, wurde es ihm zu viel. Er gebot dem Geist im Namen Jesu Christi auszufahren. Und er fuhr aus. Nun konnte die Frau aber nicht mehr wahrsagen, die Sklavenhalter sahen sich um ihren Gewinn gebracht. Sie zerrten ihn und Silas vor Gericht und erklärten, sie seien Juden, die andere Sitten und Aufruhr nach Philippi brächten. Und nun sitzt Paulus hier im Gefängnis und sieht zu, wie die Tür hinter ihm ins Schloss gezogen wird.

Die Bibel erzählt in der Apostelgeschichte von der Ankunft des Christentums auf europäischem Boden. Lydia gilt als die erste Europäerin, die sich taufen ließ, und die Gemeinde in ihrem Haus in Philippi als die erste christliche Gemeinde Europas.
Es ist gut, heute, am Tag der Europa-Wahlen, an die Anfänge des Christentums in Europa zu erinnern: Das Christentum in Europa begann mit Türen, hinter denen der Apostel Paulus weggesperrt wurde - wegen geschäftsschädigenden Verhaltens. Er hatte den Sklavenhaltern in Philippi ihr Geschäft vermasselt, und sie schürten antijüdische Affekte gegen ihn.

Und das Christentum in Europa begann mit Türen, die geöffnet wurden: die Türen des Herzens und des Hauses der Purpurhändlerin Lydia. Sie fühlt und versteht, was es bedeutet, auf Christus getauft zu sein: "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann, noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus." (Gal 3,28) In ihrer christlichen Hausgemeinschaft in Philippi ist Diskriminierung überwunden. Sie bietet Gastfreundschaft und Schutz. Ohne die Gastfreundschaft der Lydia wäre das Evangelium in Europa nicht aufgenommen worden, ohne Lydias Engagement hätte das Christentum in Europa nicht wachsen können.

Die verschlossene Tür und die offene Tür - sie stehen für die Frage, was Christen und Christinnen in und für Europa wollen sollen: Nicht die eigenen Interessen durchsetzen, sondern Werte in die Gesellschaft einbringen, die dem Miteinander dienen.
In Philippi haben sich die Gefängnistüren für Paulus übrigens schnell geöffnet. Aber ein paar Jahre später sitzt der Missionar wieder hinter Gittern. Diesmal in Ephesus. Die erste christliche Gemeinde in Europa, Lydias Gemeinde in Philippi, erfährt davon. Und reagiert. Sie weiß, was Paulus in dieser misslichen Lage braucht: Geld und jemanden, der seine Rechte vertritt. Sie sorgt für beides. Zum Dank schreibt Paulus einen Brief an die Philipper: "Mit keiner Gemeinde hatte ich Gemeinschaft im Geben und Empfangen wie mit euch." (Phil 4,15)

Das wünsche ich mir auch für die Europäische Union am heutigen Wahltag: Dass wir von ihr sagen können, sie ist eine Gemeinschaft des Gebens und Empfangens. Das ist Solidarität, wie Christenmenschen sie verstehen.

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Jan Garbarek
Gesamttitel: RITES
Titel: Where the rivers meet
Solist/Solistin: Jan Garbarek /Saxophon
Länge: 07:01 min
Label: ECM 1685/86 / 5590062

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