Wandernde Person

APA/ERWIN SCHERIAU

Wanderlust

Eine kleine Philosophie des Gehens (1). Gestaltung: Johannes Kaup.

Das Wandern in der Natur aus Lust und Laune, wie wir es heute kennen, ist eine gesellschaftlich relativ neue Erscheinung. Nicht dass die Menschen früher nicht viel gewandert wären. Pilger, Händler, Handwerker, Hirten und Söldner mussten sehr viel gehen. Aber ihr Weg durch eine gefährliche Natur voller Gefahren war beschwerlich und sollte deshalb möglichst schnell bis an den Zielort bewältigt werden. Anders der moderne, oft schon "denaturierte" Zeitgenosse: Er sucht die Naturbegegnung und findet wieder einen Zugang zu seiner natürlichen Leiblichkeit und zu sich selbst.

Wandern in all seinen Formen - vom Weitwandern, Bergsteigen, Skitourengehen, bis hin zum Pilgern, dem Gehen in der Stille, dem Flanieren in der Stadt und dem "Rückwärtsgehen" - ist zunehmend populär und das auch bei jungen Menschen.

"Verlieren Sie vor allem nicht die Lust dazu zu gehen: ich laufe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an. Und entlaufe so jeder Krankheit; ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen loswürde" - der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard war ein leidenschaftlicher Wanderer und Spaziergänger in seiner Heimatstadt Kopenhagen.

Wer geht, sieht mehr, lebt länger - und denkt besser. Diese Einsichten hatten die antiken griechischen Philosophen in der Schule der "Peripatetiker" und sie werden von zeitgenössischen Hirnforschern bestätigt. Durch die Geschichte der Philosophie und der Literatur zieht sich das Denken im Gehen und das Nachdenken darüber wie ein roter Faden. Ob als Spaziergänger, Flaneure, Wanderer oder geistige Entdeckungsreisende - viele große Dichter und Denker schätzten das Wandern in den Bergen, in Wäldern, am Meer oder das Flanieren in Städten, um sich zu sammeln und auf neue Gedanken zu kommen. Sogar urbane Nomaden entdecken die Vorteile des langsamen entschleunigten Zu-Fuß-Gehens, das voller kleiner Abenteuer steckt, die Autofahrern verborgen bleiben.

Wanderlust - die Liebe zu den Bergen, zu Wald und Wiesen ist tief in der Geschichte der Menschheit verwurzelt. Einst war der "aufrechte Gang" von der Antike bis zur Neuzeit das Symbol menschlicher Freiheit. Heute dient es der menschlichen Sinnsuche, der spirituellen Sammlung beim Pilgern oder auch dem politischen Protest. Für den französischen Philosophen Michel Serre ist "Gehen die Hälfte meines Metiers". Für ihn ist eine gelungene Bergtour eine Tour, "bei der der Wanderer auf seinem Weg voran nie aufhört zu singen ... Nicht ich singe, wenn ich gehe; es singt innerlich. Nicht ich bin es, der ganze Körper singt. Der Gehende tritt in die Musik ein, wenn er geht. Das ist physiologisch." - Johannes Kaup hat sich wandernd aufgemacht, um die vielfältigen Motive des Gehens zu erkunden.

Service

LITERATURLISTE

Helga Peskoller; Berg Denken. Eine Kulturgeschichte der Höhe, Eichbauer 1999

Manuela Macedonia, Beweg dich und dein Gehirn sagt Danke, Brandstaetter 2018

Ilija Trojanow und Susann Urban, Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß; Die Andere Bibliothek 2013

Florian Werner, Auf Wanderschaft. Ein Streifzug durch Natur und Sprache, Nagel und Kimche 2019
Ders., Der Weg des geringsten Widerstands. Ein Wanderbuch, Nagel and Kimche 2018

Peter Lindenthal, Auf dem Jakobsweg durch Österreich, Tyrolia 7.Auflage 2013
Ders., Jakobswege in Südtirol, Tyrolia 2015

Ingeborg Berta Hofbauer, Heute breche ich auf. Der persönliche Begleiter für meinen Pilgerweg, Styria 2019

Markus Schlagnitweit, Boden unter den Füßen. Aufforderung zur Unruhe, Styria 2012

Werner Gamerith, Wienerwald. Naturjuwel zischen Stadt und Gebirge, Tyrolia 2019
Ders., Die Botschaft der Natur, Tyrolia 2019

Rebecca Solnit, Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens, Matthes & Seitz 2019


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