Theodor W. Adorno

ÖNB/CERMAK

Adorno und der Jazz

Ein schwieriges Verhältnis (1). Gestaltung: Thomas Mießgang.

"Jazz hat mit Kunst überhaupt gar nichts zu tun." sagte Theodor W. Adorno in einem Interview. "Und das Bestürzende ist, dass man diese reine Unterhaltungssphäre mit Ideologien unterbaut, durch die sie dann mit allem, was hoch und teuer ist, verwechselt wird."

Es waren Aussagen wie diese, die der bedeutende Philosoph und Musiktheoretiker Adorno auch in mehreren Aufsätzen niedergelegt hatte, die ihn zum Feindbild der Jazzfans machten. Adorno habe einfach nicht begriffen, was der Jazz sei, behaupteten seine Gegner: Nämlich eine Musik, die in der individuellen Gestaltungsfreiheit und im kreativen Umgang mit Klangmaterialien aus dem populärkulturellen Milieu eben sehr wohl einen Kunstanspruch stellen würde. Dies verkennt allerdings, dass Theodor W. Adorno mit seiner Kritik nicht so sehr auf den Jazz per se zielte, sondern auf jenen gesellschaftlichen Bereich, den er als Kulturindustrie brandmarkte: Darunter verstand der Philosoph die "warenförmige Durchdringung der Freizeit." Das Bedürfnis nach Tanz und Amüsement werde mithilfe industriell gefertigter Massenwaren befriedigt - in diesem Fall: der damals neuen Schellackplatte, die auch im Radio gespielt wurde.

Der durchgehende Rhythmus des frühen Jazz' war Adorno ebenfalls ein Dorn im Auge: Auch wenn der Jazzmusiker "zwischen den markierten Taktteilen seine abenteuerlichen Sprünge macht", so bleibe er doch ein Gefangener des Beats, der ihm seine fordistische Fließbandlogik aufzwingt.

Manches, was der Vertreter der Kritischen Theorie zu bedenken gibt, ist auch heute noch relevant. Eine Sache allerdings hat er übersehen: Mag der Jazz auch ursprünglich, so wie heute die Popmusik, Opium für das Volk gewesen sein, so erreichte er mit dem BeBop und endgültig mit dem Free Jazz um 1960 eine andere Seinsform, die mit dem Warencharakter des Kapitalismus nicht mehr vereinbar war.

Den Free Jazz aber ignorierte Adorno vollständig. Deshalb konnte er auch in seinen "musikalischen Aphorismen" schreiben: "Der Jazz müsste auf die Metrik und die Harmonik verzichten; schließlich die Melodik aus den Synkopen die Konsequenz ziehen, wie es Strawinsky getan hat. Dann fällt die Schranke zwischen Jazz und Kunstmusik und damit auch das lockende Angebot neuer Natur. Oder der Jazz muss die Synkopen aufgeben und sich nur auf die große Trommel verlassen. Er hat den zweiten Weg gewählt."

Heute wissen wir, dass die Avantgarde des Jazz' genau jenen Weg beschritt, den Adorno ihm nicht voraussagte. Die Besinnung auf die große Trommel überließ der Jazz dem Rhythm'n'Blues, dem Rock und dem Soul. Der Meister selbst, der erst 1969 starb, widmete dieser Tatsache keine philosophischen Gedanken mehr. Stattdessen trat er gelegentlich gönnerhaft aus dem Elfenbeinturm heraus und ließ dem Volk, was des Volkes war: "Ich bin gar kein Feind des Jazz, genauso wenig wie ich es wagen würde, ein Feind von irgendwelcher anderen Tanzmusik zu sein. Dass mir ungarische Schnulzen dann immer noch lieber sind, ist meine Privatsache."

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Sendereihe

Gestaltung

  • Thomas Mießgang

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Meyers/ Schnebel
Titel: Bugle Call Rag
I: Roy Eldridge
Label: Metro Records

Komponist/Komponistin: Dylan
Titel: All along the Watchtower
I: Jimi Hendrix
Label: Polydor 59 240

Komponist/Komponistin: Henry
Titel: Rock Electronique
I: Pierre Henry
Label: Philips 6510 014

Komponist/Komponistin: Adorno
Titel: Zwei Stücke für Streichquartett
I: Buchberger Quartett
Label: WERGO WER 6173-3

Komponist/Komponistin: McGregor Mercer
Titel: Moon Dreams
I: Miles Davis
Label: Capitol Records T-762

Komponist/Komponistin: Ellington
Titel: In a Mellow Tone
I: Johnny Hodges
Label: Fabbri Editori GdJ51

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