Vogel in Kiev

AP/SERGEI GRITS

Nation, Sprache, Politik

Bruchlinien in der Ukraine
Von Brigitte Voykowitsch

Wie andere mittel- und osteuropäischen Länder blickt auch die Ukraine auf eine äußert komplexe Geschichte zurück. Teile des heutigen Staatsgebiets gehörten im Lauf der Jahrhunderte zu unterschiedlichen Reichen: der Westen zur Habsburger-Monarchie und zeitweise auch zu Polen, der Osten zu Russland. Schließlich kam im 20. Jahrhundert das gesamte Staatsgebiet sukzessive an die Sowjetunion. Daraus erklärt sich die heutige Zweisprachigkeit des Landes, wobei tendenziell im Westen mehr Ukrainisch und im Osten mehr Russisch gesprochen wird.

Aufgrund des konfliktreichen Verhältnisses zu Russland, das bis heute das Recht der Ukrainer auf einen unabhängigen Staat in Frage stellt, ist die Sprache zu einem innenpolitischen Instrument geworden. Einerseits haben der Konflikt mit Russland, die Annexion der Krim und der Krieg in der Ostukraine, zur Herausbildung einer neuen zweisprachigen politischen Identität in der Ukraine geführt. Andererseits führt der Konflikt mit Russland regelmäßig zu Maßnahmen und Gesetzen, die das ukrainische Element zuungunsten des Russischen stärken wollen. Dazu gehören Sprachgesetze, die die russische Sprache aus dem Alltag verdrängen sollen; Sanktionen gegen Sänger, die zu oft in Russland auftreten; Visaverweigerungen für internationale Journalisten und dergleichen mehr. Zahlreiche Kulturschaffende und Vertreter der Zivilgesellschaft beklagen diese Art der Verbots- und Zensur-Politik. Wenn man das Ukrainische unterstützen wolle, so könne man das ihrer Ansicht nach auch mit positiven Fördermaßnahmen tun.

Sendereihe

Gestaltung