Johanna Schwanberg

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Johanna Schwanberg über Familie

"Familienbilder". Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, beschäftigt sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen, die mit den Mitteln der Kunst sichtbar werden. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Beim Durchblättern von Zeitungen und dem Verfolgen von Nachrichtensendungen in Radio und Fernsehen wird unübersehbar, dass Familienbeziehungen stark emotional besetzt sind. Oft sind sie von überspitzten Erwartungen, Ambivalenzen und Machtkämpfen bestimmt.

Wie sonst lässt sich erklären, dass heuer in Österreich bereits unzählige Familiendramen mit tödlichem Ende zu verzeichnen waren? Auch ein Blick in das unmittelbare Umfeld meines Bekannten- und Freundeskreises führt mir täglich vor Augen, wie sehr Familienangelegenheiten berühren. Da kommt es in Familien, die im Berufsfeld hochreflektiert agieren, zu Obsorge- und Erbschaftsstreitereien; da erlebe ich unfassbare Verzweiflung und die Relativierung von allem, was sonst im Leben wichtig ist, wenn ein Familienmitglied plötzlich aus dem Leben gerissen wird.

Daher hat es mich bei den Vorbereitungen zu unserer Ausstellung "Family Matters" erstaunt, dass sich die bildende Kunst, zumindest in der Gegenwart, mit der Thematisierung von Familientragödien auffallend zurückhaltend zeigt. Umso aufregender war es für mich, ein ungewöhnliches Bild der österreichischen Grande Dame der Malerei aus der Maria-Lassnig-Stiftung für unsere Schau zu bekommen. Auf dem querformatigen riesigen Gemälde sind ein Mann und eine Frau zu sehen. Sie strahlen eine negative Energie aus und zerren beide an einem nackten Säugling. Er befindet sich genau in der Mitte des Bildes und wird von den Eltern beinahe zerrissen. Der Titel unterstreicht das Offensichtliche: Das Bild heißt "Obsorge".

Das dramatische Thema steht in starkem Kontrast zu den leuchtenden, pastelligen Farben. Vor allem der knallblaue Hintergrund mit einer wolkenartigen weißen Himmelsöffnung am oberen Bildrand vermittelt eine positive Atmosphäre und macht das Dargestellte überhaupt erst erträglich.

Kunstwerke können Widersprüchliches vermitteln. Sie können Grausames zeigen und zugleich ungemein schön sein. Sie können gesellschaftsrelevante Themen ansprechen, ohne vorschnelle Lösungen anzubieten. Genau dadurch bringen sie mich zum Nachdenken und vielleicht manchmal dazu, anders zu handeln.

Service

Dom Museum Wien: Family Matters

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Horwath
Album: Sunny Side Up Vol.8
BABY YOU GOT ME WRONG
Ausführende: Horwath Florian
Ausführende: Nina Persson
Länge: 03:13 min
Label: EMI 214322

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