Claudia Prutscher über Rosch ha-Schana

Wie ihre Familie die Hohen jüdischen Feiertage begeht, erzählt die Vizepräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Claudia Prutscher. - Gestaltung: Brigitte Krautgartner

Alle Jahre wieder… so beginnen viele Geschichten um jährliche Bräuche in verschiedenen Religionen. Rosch ha-Schana ist einer der Hohen Feiertage im Judentum und hat eine ganz besondere Bedeutung. Es zeigt das Ende eines Jahres an und ist eine Zeit der stillen Selbstüberprüfung vor dem Tag des Gerichts und der Freude auf Erneuerung.

Nachdem die jüdischen Feiertage immer nach Sonnenuntergang beginnen, dieses Jahr ist es heute, 29.September, versammelt sich die ganze Familie bei mir zu Hause und wünscht sich gegenseitig ein gutes und süßes neues Jahr. Dazu tauchen wir Apfelspalten in Honig und essen die Kerne der Granatäpfel mit den Wünschen, unsere Verdienste mögen so zahlreich sein wie die Kerne des Granatapfels.

Anschließend genießen wir gemeinsam das üppige Festmahl, das vor allem süßliche Speisen beinhaltet. Das ist bei uns zum Beispiel der Karottenzimmes, kleingeschnittene Karotten, die mit Zimt und Honig gedünstet werden, oder Lekach, der Honigkuchen der an keinem Rosch ha-Schana-Tisch fehlt. Die Challa, das jüdische Weißbrot, wird an diesen Tagen nicht in länglicher Zopfform serviert, sondern kreisrund. Das soll den geschlossenen Jahreskreis symbolisieren.

Am nächsten Tag gehen wir alle gemeinsam in die Synagoge. An diesen Tagen ist die Synagoge so voll wie an keinem anderen Tag. Dort beten wir um die Vergebung der Sünden, dazu gibt es den Brauch, zu einem fließenden Gewässer zu gehen und symbolisch die Sünden des letzten Jahres hineinzuwerfen. Danach bläst ein Rabbiner oder ein Gemeindemitglied das Schofar. Das ist das Horn eines Widders, durch das geblasen wird. Diese Klänge sind etwas ganz besonderes. Zuerst sind es seufzende, klagende Töne, die dann in einem langen, durchdringenden Ton enden. Der Klang des Schofars erschüttert und vergegenwärtigt, dass man vor dem höchsten aller Gerichte steht. Er ruft zur Umkehr und erinnert an das Versprechen Israels bei der Offenbarung am Berg Sinai, nach G'ttes Lehre zu leben.

Diese Töne rufen bei mir ein ganz besonderes Gefühl des Respekts und der Hochachtung dieser Jahrtausende alten Tradition hervor. Es heißt, dass jeder Jude und jede Jüdin zu Rosch ha-Schana mindestens 1x das Schofarblasen gehört haben soll.

Nach dem G'ttesdienst wünschen sich alle Gemeindemitglieder gegenseitig schana towa tikatewu - das heißt so viel wie: Mögest Du zu einem guten Jahr eingeschrieben werden. Mit diesen Wünschen und guten Vorsätzen gehen wir ins neue Jahr - es wird das Jahr 5780 sein.

Auch wir in Österreich stehen vor einem Neubeginn. Wir wählen heute unsere neue Regierung. Heute können wir alle mitentscheiden, wohin unser Land weiter gehen soll. Ich wünsche mir, dass die Entscheidung mit Bedacht gewählt wird und zu einem friedlichen Miteinander und sorgsamen Umgang mit allen Bürgern und Bürgerinnen fällt.
In diesem Sinne SHANA TUVA



Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Oscar Sher
Album: VIVA EL KLEZMER
Titel: To Giora - The Klezmer/instr.
Solist/Solistin: Giora Feidman /Klarinette m.Begl.
Länge: 02:31 min
Label: Pläne 88712

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