Ein Mann spaziert in Moldawien

ORF/ROMAN TSCHIEDL

Cornelius Hell über die Republik Moldau

"Zwischen Pruth und Dnister". Reiseeindrücke von Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer. Gestaltung: Alexandra Mantler

Wir fahren durch die Mihai Eminescu-Straße, und aus dem Radio im Bus kommt russische Musik. Der größte rumänische Dichter des 19. Jahrhunderts trifft auf russische Kultur - das ist die beste Einführung in Geschichte und Gegenwart der moldawischen Hauptstadt Chisinau.
Das Territorium des heutigen Moldawien gehörte ab 1812 zum russischen Kaiserreich, nach dem Ersten Weltkrieg großteils zu Rumänien und nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sowjetunion; da mutierte die rumänische Sprache zu "Moldawisch" und musste mit kyrillischen Buchstaben geschrieben werden. 1991 hat sich die Republik Moldau für unabhängig erklärt. Jetzt ist die Staatssprache Rumänisch, aber Russisch spielt eine große Rolle, gerade auch in Wirtschaft und Kultur, und nicht wenige Russen verweigern sich dem Rumänischen.

Aber das Land, so erfahre ich von einem Österreicher, der in Chisinau arbeitet, hat noch ganz andere Probleme. Das Wort Nanas bedeutet Trauzeuge, und Moldawien wird auch Nanasistan genannt, denn der Trauzeuge ist verantwortlich für das berufliche Fortkommen seiner Schützlinge; und hat man keinen einflussreichen Nanas, kann man sehen, wo man bleibt. Das Wort Cumatre bedeutet Taufpate, und so ist Cumatrism zum Synonym für Freunderlwirtschaft geworden.

Die Betreuung einer Dissertation an der Universität kostet einige Tausend Euro. Als vor einigen Jahren eine junge Frau ihre Diplomarbeit selbst schreiben und nicht wie üblich dem Betreuer tausend Euro dafür bezahlen wollte, scheiterte sie zunächst. Aber schlussendlich wurden mehrere Professoren gefeuert und in Dekanat und Rektorat aufgeräumt.

Bei einem Abendessen lerne ich Natalja kennen, die aus der Ukraine stammende Russischlehrerin des Österreichers; sie spricht ein wunderbares Deutsch, außerdem Polnisch und Englisch. Sie ist eine der Kultureremitinnen, wie ich sie in meinen beiden Jahren in der Sowjetunion kennengelernt habe. Kleidung, Essen oder andere alltägliche Dinge sind für sie völlig unbedeutend im Vergleich zur Qualität einer Übersetzung oder eines Textes. Ein wunderbares Gespräch entspinnt sich, und ich spüre auf einmal wieder die Kraft der Kultur als Widerstand gegen den alltäglichen Wahnsinn.

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Übersicht

  • Nebenan: Moldau

Playlist

Komponist/Komponistin: unbekannt
Album: 12.INTERNATIONALES AKKORDEONFESTIVAL 2011
Titel: Moldavian Fantasy/instr.
Ausführende: Talisman /Instrumental
Länge: 03:52 min
Label: Promo CD 2011

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