Martin Jäggle

APA/HERBERT P. OCZERET

Martin Jäggle über den Fall der Berliner Mauer

"Erinnern". Um Erinnern muss gerungen werden, meint Martin Jäggle, katholischer Theologe und Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Das Besondere von Spuren ist, dass sie auf etwas verweisen, das nicht mehr ist. Spuren von Menschen gibt es nur dort, wo jemand da war und nicht mehr da ist. So sind Spuren die Anwesenheit der Abwesenheit. Die Spuren zu suchen und zu sichern macht Abwesende, jene die eigentlich da wären oder da sein müssten, wieder anwesend. Daher ist es so wichtig, jeder und jedem Einzelnen in seiner Lebensgeschichte nachzugehen.

Immer wieder taucht die Frage auf: Wann ist denn endlich Schluss? Warum könnt ihr die Vergangenheit nicht auf sich beruhen lassen? Und wenn wirklich einmal Schluss wäre mit all dem Erinnern an die Opfer und Gedenken der Opfer, was wäre dann? Wie ist dann Menschsein noch möglich, wenn Schluss ist mit Erinnern und Gedenken? Wäre das nicht ein Verzicht auf jede Humanität? Und wie schließt man denn so etwas überhaupt ab? Und wann ist es denn überhaupt genug?

Vom Versuch, das Erinnern zu verweigern, war auch die Sprache bestimmt. Menschen sind, so hieß es üblicherweise, im Konzentrationslager gestorben. Jetzt ist sehr klar die Rede davon, dass sie im Konzentrationslager ermordet wurden. Was war das für ein langer Weg von dem harmlosen "gestorben", von einer Sprache, die das Ungeheuerliche verschleierte, zu einem klaren, den Sachverhalt benennenden "ermordet". Es hat zu lange gedauert bis eine Sprache akzeptiert ist, die Tacheles redet. Wer den Ungeist nicht fortschreiben will, muss so klar reden.

Ich kann "Nie wieder!" nicht mehr hören. Die Praxis gibt nach Wittgenstein den Worten ihre Bedeutung. Wer also "Nie wieder!" sagt, hat ohne entsprechende Praxis eigentlich sinnlos gesprochen.

Ein Gedenken hat nur dann Zukunft, wenn die Jüngeren einbezogen sind, wenn es für sie relevant wird und zwar nicht als moralische Keule, sondern auch aus ihrem Rechtsdenken heraus: Toten zu ihrem Recht zu verhelfen. In welcher Gesellschaft wachsen junge Menschen auf? In einer Gesellschaft der Vernunft des Gedenkens, in der die Solidarität des Gedenkens gelebt wird? Die Alternative zu einer anamnetischen Gesellschaft wäre eine Gesellschaft der Amnesie. Von Alzheimer kann jede Gesellschaft befallen werden.

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Urheber/Urheberin: Traditional
Bearbeiter/Bearbeiterin: Gebrider Moischele
Album: GEBRIDER MOISCHELE - SCHTIL, DIE NACHT IS OJSGESCHTERNT
Titel: To say goodbye
Ausführende: Gebrider Moischele /Gesang m.Begl.
Ausführender/Ausführende: Hansjörg Schmid /Gesang, Gitarre
Ausführender/Ausführende: Markus Fritsch /Geige, Mandoline, Bouzouki
Ausführender/Ausführende: Martin Deuring /Bass, Klarinette, Flöte
Länge: 04:07 min
Label: EXTRAPLATTE EX 238 0952

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