Was, Du trinkst heute nichts?

Über Alkoholismus in Österreich

Laut dem aktuellen Handbuch Alkohol Österreich, herausgegeben von der Gesundheit Österreich GmbH, ist der Pro-Kopf Konsum von Alkohol in den vergangenen 50 Jahren um 25 Prozent zurückgegangen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Für rund 400.000 Österreicherinnen und Österreicher ist Alkohol längst kein Genussmittel mehr - sie sind davon abhängig. "Funktionieren" ohne nicht mehr. Weitere anderthalb Millionen Personen haben einen gesundheitsgefährdenden Umgang mit Wein, Schnaps und Co.
Im internationalen Ländervergleich befindet sich Österreich, was den Alkoholkonsum anbelangt, im oberen Drittel, ebenso wie etwa Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. Am meisten trinken laut der WHO die Moldawier.

Vom Leben überfordert
Unser Sendungsgast Hermann Hofstetter wurde vor rund 20 Jahren abhängig vom Alkohol. Da war er Mitte 40. Der Job wurde immer stressiger, der Sohn brach die Schule ab, die Mutter erkrankte an Krebs. Hermann Hofstetter wurde alles zu viel. Und so griff er regelmäßig zur Flasche, weil die alles erträglicher machte. Anfangs zumindest. Mit der Zeit merkte Hermann Hofstetter, dass ihm der Alkohol mehr schadete als half. Er hatte Schweißausbrüche, zitterte, konnte teilweise nicht mehr arbeiten, funktionierte nun nur mehr mit einem gewissen "Spiegel".
Das war für ihn der Wendepunkt. Er machte einen 8-wöchigen Entzug im Psychosomatischen Zentrum Eggenburg und ist seither abstinent (einmal gab es einen ganz kurzen Rückfall) und Leiter einer Selbsthilfegruppe für Alkoholabhängige.

Unbedingt Hilfe suchen!
Typisch für die Alkoholabhängigkeit ist, dass sich die betroffenen Menschen ihr Problem nicht eingestehen bzw. es bagatellisieren.
Die meisten schämen sich auch für ihre Sucht und suchen deshalb viel zu spät Hilfe auf. In Österreich gibt es etliche Anlaufstellen für alkoholkranke Menschen. Für Betroffene ist es sicherlich ratsam, als erstes einmal den Hausarzt oder eine Selbsthilfegruppe zu kontaktieren, die dann an entsprechende Stellen verweisen können. Sehr effektiv sind stationär oder ambulant durchgeführte Entwöhnungsprogramme (je nach Schweregrad und Art der Abhängigkeit), unter anderem begleitet von einem Psychologen oder Psychotherapeuten.
Ziel der Therapie ist nicht so wie früher die völlige Abstinenz - auch das so genannte "Cut-down drinking", also immer weniger zu trinken, wird bereits als Erfolg erachtet.

Das Zimtsackerl immer griffbereit
Zur Therapie der Alkoholsucht eignen sich verschiedene psychotherapeutische Techniken. Laut unserem Sendungsgast Univ.-Prof.in Dr.in Henriette Walter ist es eine gute Strategie, mit den fünf Sinnen zu arbeiten. Immer wenn der Klient den Wunsch hat, Alkohol zu trinken, soll er zum Beispiel seinen Lieblingsduft einatmen, etwa Zimt oder Vanille. Eine andere Möglichkeit ist, sich sein Lieblingslied anzuhören oder ein Foto eines schönen Ortes am Handy zu betrachten.
Auch unser dritter Gast, Mag. Clemens Reiserer, arbeitet vorwiegend körperorientiert. Seine Klientinnen erlangen mehr Stabilität und Selbstsicherheit, indem sie etwa ihre Füße gut am Boden spüren oder sich an eine Wand anlehnen. Emotionen sollen unter anderem auch durch verschiedene Gangtechniken ausgedrückt werden.

Auf dem Weg zur nüchternen Gesellschaft?
Keinen Alkohol zu trinken, könnte bald schon völlig normal, ja sogar "in" sein. Im englischsprachigen Raum und auch in Deutschland gibt es sie schon: Die Sobriety-Partys - Feste, auf denen es keinen Alkohol zum Anstoßen gibt und man die Nüchternheit zelebriert. In der der New Yorker Bar "Getaway" gibt's etwa statt Gin Tonic, Wodka oder Tequila exotische Drinks wie Preiselbeersaft mit Kardamon, Zitrone und Schlagobers oder schwarzen Sesam auf Mango und Jalapeño-Püree.


Moderation: Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos
Sendungsvorbereitung: Mag.a Nora Kirchschlager und Dr. Christoph Leprich

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Sind Sie alkoholabhängig?

Haben Sie die Sucht überwunden? Wie?

Wie haben Sie den Entzug erlebt?

Ist ein Familienmitglied von Ihnen alkoholsüchtig? Wie geht es Ihnen damit?

Finden stehen Sie zum gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol in unserem Land?

Service

Sendungsgäste im Funkhaus Wien:

Ao. Univ.-Prof.in Dr.in Henriette Walter
Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie
Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin
Psychotherapeutin
Wiedner Hauptstraße 112/33
1040 Wien
Tel.: +4/664/2124992
E-Mail

Mag. Clemens Reiserer, MSc
Klinischer- und Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut
Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe - Otto Wagner Spital
Ambulanz des Zentrums für Suchtkranke
Tel.: +43/1/910 60/20808
Baumgartner Höhe 1
1140 Wien
Homepage

Hermann Hofstetter
Ehemals an Alkoholsucht erkrankt.
Vorsitzender des Blauen Kreuzes Wien und Wien-Umgebung
Verein für Suchtkrankenhilfe
Felbigergasse 60/1
1140 Wien
Tel.: 0699/14651902 (Montag 9:00 - 13:00 Uhr)
E-Mail
Homepage

Weitere Anlaufstellen und Info-Links:

Ambulante Einrichtungen für Alkoholkranke(österreichweit)
Stationäre Einrichtungen für Alkoholkranke (österreichweit)
Alkoholismus Selbsthilfegruppen
Handbuch Alkohol Österreich
Alkoholabhängigkeit: Therapie
Suchtpräventionsstellen
Dialogwoche Alkohol
Wie viel ist zu viel?
Polen: Baby kam mit mehr als drei Promille zur Welt und starb

Buchtipps:

Susanne Kaloff, "Nüchtern betrachtet war's betrunken nicht so berauschend. Ein Trip in die Freiheit", Fischer Taschenbuch 2018

Catherine Gray, "Vom unerwarteten Vergnügen, nüchtern zu sein: Frei und glücklich - ein Leben ohne Alkohol", mvg Verlag 2018

Daniel Schreiber, "Nüchtern: Über das Trinken und das Glück", Suhrkamp Verlag 2016

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