Jean Deroyer

JEAN RADEL

Kinsella, Prokofjew, Sibelius

RTÉ National Symphony Orchestra, Dirigent: Jean Deroyer; Vadym Kholodenko, Klavier. John Kinsella: Symphonie Nr. 11 Sergej Prokofjew: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26 Jean Sibelius: Symphonie Nr. 3 C-Dur op. 52 (aufgenommen am 29. November 2019 in der National Concert Hall in Dublin). Präentation: Peter Kislinger

Splitter von Fragmenten als Inspirationsquelle

Der 87-jährige John Kinsella ist sein Leben lang von der Musik von Jean Sibelius fasziniert gewesen. Vor einigen Jahren fiel dem in Dublin geborenen und lebenden Komponisten die Gesamtaufnahme der sieben Symphonien mit dem BBC Philharmonic unter der Leitung des finnischen Dirigenten John Storgards in die Hände. Als Bonus enthält die Box "Three Late Fragments", die Storgards bereits im Oktober 2011 mit dem Helsinki Philharmonic vorgestellt hatte. Es gibt Indizien, dass dies Skizzen für die verschollene 8. Symphonie von Sibelius sein könnten.
Von diesen Skizzen ließ sich Kinsella zu seiner dreisätzigen 11. Symphonie nicht nur inspirieren, sondern erhielt auch die Genehmigung, einige Motivfetzen als "thematische Module" in seiner jüngsten Symphonie zu verwenden. Er habe schon in seiner 7. Symphonie alles daran gesetzt, den Klang der Soloposaune aus der 7. Sibelius-Symphonie zu verwenden, jener Stelle, wo die Posaune nicht bloß solistisch zu hören ist, sondern alles übertönt, und auch das Glockenspiel aus der Symphonie Nr. 4. "Diese Klänge sind an verschieden Stellen in die Musik eingebettet." Kinsellas Instrument ist die Bratsche. Wie schon in Kinsellas 7. Symphonie so hat sie in seiner elften ein gewichtiges Wort mitzureden: "Es gibt also einige durchgehende Verbindungen zwischen mir und dem großen Mann." An keiner Stelle habe er versucht, auch "nur entfernt wie Sibelius zu klingen.

Wie Sibelius ohne die Hauptthemen

Das Problem sei letztlich ohnehin nicht, so ätzte etwa ein Musikwissenschaftler am Conservatory of Music and Drama der TU Dublin in einem klassischen Verriss, dass dieses Auftragswerk des Irischen Rundfunks "zu sehr nach Sibelius klingt, sondern dass es wie Sibelius ohne die Hauptthemen klingt." Kinsellas Material sei "weder in der melodischen Konstruktion noch in der orchestralen Struktur besonders originell und ähnelt oft der Art von Material, das man in zweitrangigen Partien besserer Musik findet." Ein Beispiel sei das Tremolo am Beginn der 11. Symphonie, der einer Moll-Imitation des Anfangs des letzten Satzes der 5. Sibelius gleichkomme. Als Eröffnung sei es ja einigermaßen effektiv, aber der Unterschied sei, "dass, was bei Sibelius als Einleitung und Übergangsmotiv zwischen den Aussagen des prachtvollen Hauptthemas" fungiere, bei Kinsella bereits das Hauptthema sei. Das Werk, so eine andere Reaktion, sei alles andere als epigonal oder eine Stilkopie. Vom Publikum wurde John Kinsella vom Publikum mit lang andauerndem und Bravorufen gefeiert.

Prokofjew und Sibelius in C-Dur

Gemeinsam mit dem Klavierkonzert Nr.1 ist das 1921 in Chicago vom Komponisten am Klavier uraufgeführte Konzert das sowohl im Konzertsaal als auch auf Tonträgern am öftesten zu findende der fünf Klavierkonzerte Prokofjews. 2013 ebnete es dem damals 25-jährigen Cholodenko in Texas den Weg zum Gewinn des Van Cliburn International Piano Competition.
Wie Prokofjews Klavierkonzert steht die im September 1907 fertig gestellte 3. Symphonie von Jean Sibelius in C-Dur. Klassizistisch ist sie, nicht "neo-klassizistisch" wie etwa Prokofjews 1918 uraufgeführte Symphonie Classique oder Igor Strawinskys Pulcinella-Ballettmusik (1920). Das dreisätzige Werk ist kein ironisches, amüsantes oder zuweilen selbstgefälliges Spiel mit Stilen. Eher ist an Ferruccio Busonis Ideal der "jungen Klassizität" zu denken, wie eine Bemerkung von Sibelius nahelegt: Mozarts Allegros seien "das perfekte Modell eines Symphonie-Satzes, wundervolle Einheitlichkeit und Homogenität, alles ist in Fluss, nichts sticht hervor und dominiert." Auch seinem Ideal, einen durch "Klang strukturierten Raum" zu schaffen, ist Sibelius, vornehmlich im 1. Satz, näher gekommen.

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