Ausschnitt des Covers

SONY MUSIC

Radiokolleg

Radiokolleg - Das Jahrhundertalbum Bitches Brew

Wie Miles Davis den Electric Jazz erfand (2). Gestaltung: Thomas Mießgang

Donald Fagen, Mastermind der slicken und bis ins kleinste klangliche Detail durchorganisierten Band Steely Dan, hasste das Album: "Bitches Brew klingt, als ob die Platte auf einer Müllhalde aufgenommen worden wäre. Miles Davis wollte offenbar Funk spielen und wählte die falschen Typen dafür aus. Die beherrschten den Stil einfach nicht, sie waren viel zu chaotisch".

Dies stellte allerdings eine Minderheitenmeinung dar, denn zahlreiche andere Kritiker waren zwar ebenfalls irritiert, dass der sensible Poet eines romantisch gedämpften Trompetenklanges plötzlich derart aggressiv-krachende Musik produzierte, jedoch auch fasziniert: Das Album mit seinem surrealen Cover und einem revolutionären Klang-Amalgam aus Rock-Rhythmen, elektronischen Keyboardklängen, verzerrten Gitarrentönen und Trompetensignalen, die in der Unendlichkeit eines virtuellen Grand Canyon zu verhallen scheinen, galt schnell als Klassiker. Schon 1976 hatte sich "Bitches Brew" 500.000 mal verkauft - eine für Jazz fast unvorstellbare Größenordnung - und gleichzeitig einen Trend eingeleitet, der die gesamte Dekade beherrschen sollte: Electric Jazz, auch als Jazzrock oder Fusion bekannt.
Zahlreiche Musiker, die auf "Bitches Brew" mitwirkten - der Gitarrist John McLaughlin, der Saxophonist Wayne Shorter, die Pianisten Joe Zawinul und Chick Cores, der Bassist Dave Holland - wurden wenig später zu Fusion-Superstars und konnten die Botschaft vom Jazz, der durch Elektrifizierung eine neue Durchschlagskraft erhielt, in einem Massenpublikum verankern.

Doch "Bitches Brew" war nicht nur aufgrund der Kollision von Sly Stones Funk-Rhythmen mit den atonalen Klang-Entäußerungen der Fire Music aus den Sixties bahnbrechend, sondern auch wegen der völlig neuen Verwendung des Aufnahmestudios. Teo Macero, der nicht nur ein begnadeter Toningenieur war, sondern der wesentliche Klangregisseur an der Seite von Miles Davis, zerschnitt die Bänder der Sessions, und collagierte die Partikel, angereichert durch Hall und Echo-Effekte so, dass eine Art von Hypertext entstand, der nicht die Authentizität des Improvisationsvermögens der Musiker abbildete, sondern die verführerische Künstlichkeit einer kubistischen Sound-Skulptur.

Das Erstaunlichste an "Bitches Brew" ist allerdings, dass das luxuriöse Doppelalbum im Gegensatz zu zahlreichen schlecht gealterten Platten aus den 1970er Jahren heute noch so frisch und zukunftsneugierig klingt wie am ersten Tag. Damals schrieb der Rolling Stone: Die elektrische Musik von Miles Davis sei "so reichhaltig in Form und Substanz, dass sie jeden, der zuhört, zu ausschweifenden Expeditionen der Imagination einlädt".

Service

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Sendereihe

Gestaltung

  • Thomas Mießgang

Playlist

Komponist/Komponistin: Miles Davis
Titel: Bitches Brew
tlw. unterlegt
I: Miles Davis
Länge: 01:10 min
Label: Columbia GP26

Komponist/Komponistin: Zawinul
Titel: In a silent Way
tlw. unterlegt
I: Miles Davis
Länge: 02:50 min
Label: Columbia CS 9875

Komponist/Komponistin: Miles Davis
Titel: Miles runs the Voodoo down
tlw. unterlegt
I: Miles Davis
Länge: 00:40 min
Label: Columbia GP26

Komponist/Komponistin: Tony Williams
Titel: Emergency
tlw. unterlegt
I: Tony Williams Lifetime
Länge: 00:40 min
Label: Polydor 25-3001

Komponist/Komponistin: Zawinul
Titel: Pharaoh`s Dance
tlw. unterlegt
I: Miles Davis
Länge: 02:10 min
Label: Columbia GP26

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