Oliver Tanzer

LUKAS BECK

Oliver Tanzer über die Schöpfungsgeschichte

"Diesseits von Eden / Schöpfungstag/zeit". Oliver Tanzer, Autor, Journalist und Leiter des Wirtschaftsressorts der Wochenzeitung "Die Furche", versucht in seinen Gedanken über die Genesis einen Brückenschlag zwischen biblischer und moderner Welt

Ein Teil unseres Problems mit der Natur ist, dass wir sie uns entfremdet haben. Sie ist entweder gezähmt oder entfernt. Ein Entspannungselement an einem Fernsehabend mit Universum vielleicht, ein bisschen Tierbaby-Putzigkeit auf Instagram oder Sonnenuntergänge am Urlaubsstrand. Wenig mehr.

Wenn man nun aber herausgehen würde aus der Ansicht, dass die Schöpfung mit ihren Tier- und Pflanzengesellschaften nur zum Zeitvertreib dient oder als Feld für spezialisierte Forschung und Ausbeutung des primitiveren Lebens. Was, wenn dieses angeblich Primitive sogar Verfahren für die großen Probleme der Zeit hätte. Die Schöpfung als eine Art Lösungs-Cloud für ihre ratlosen Herrscher, die Menschen? Das gilt auch für zentrale Funktionen unseres Systems. Etwa den Wettbewerb.

Man nehme nur als Beispiel das Verhalten der Mehlschwalben. Sie bilden wie Menschen äußerst konkurrenzintensive Gesellschaften. Es wird gestritten, gerittert und auch gestohlen den lieben langen Tag. Männchen jagen einander im Flug gegenseitig die Fliegen und Mücken ab, begatten fremde Weibchen, wenn der Konkurrent gerade nicht da ist. Weibchen wiederum jubeln Genossinnen ihre Eier zur Brut unter und so fort. Aber das ändert sich schlagartig, wenn der Schwarm bedroht wird, etwa durch einen Raubvogel. Dann helfen alle Schwalben eines Schwarms zusammen, um den Gegner mit allen Regeln der Flugkunst zu vertreiben. Ich selbst habe erlebt, wie ein Schwarm einen Sperber zum Absturz brachte. Es krachte ordentlich in meinem Gartengehölz.

Und was die Schwalben da vorfliegen, ist das nicht der Idealzustand einer Wettbewerbsgesellschaft? Zusammenhelfen, wo es wirklich wichtig ist: Staaten, Unternehmer, Wissenschaftler, Bürger. Beim Klimaschutz, Corona, brennenden Urwäldern, verschmutzten Meeren. Eine neue Form der Globalisierung wäre das. Eine effiziente, freundliche, erfolgreiche - beflügelt durch Schwalben. Und es gäbe noch dutzende weitere hochzivilisierte Problemfelder, die mit den Strategien der Bäume, Wölfe, Geier, Wanderratten oder Grottenolme und vieler anderer mehr verbessert oder gelöst werden könnten. Es ist eine Makro-Bionik und sie kann sehr viel mehr tun, als bloß Schönheit oder Rührung zu vermitteln. So kann die Schöpfung durch ihre evolutionserprobten Verfahren helfen, die Biosphäre zu bewahren - und letztlich den Menschen vor sich selbst.

Service

Tomas Sedlacek, Oliver Tanzer, "Lilith und die Dämonen des Kapitals. Die Ökonomie auf Freuds Couch", Carl Hanser Verlag
Oliver Tanzer, "Animal Spirits. Wie und Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen", Verlag Molden

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Denis Guy Marc Barthe
Komponist/Komponistin: Frederic Vincent Vidalenc
Komponist/Komponistin: Serge Mauris Teyssot Gay
Komponist/Komponistin: Bertrand Lucien Cantat
Vorlage: Benjamin Prüfer/geb.1979
Gesamttitel: SAME SAME BUT DIFFERENT / Original Filmmusik
Titel: Le vent nous portera
Ausführende: Noir Desir /Gesang m.Begl.
Ausführender/Ausführende: Manu Chao /Gitarre
Länge: 04:50 min
Label: Ministry of Sound/edel Promo

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