Max Weber

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Salzburger Nachtstudio

Berufsmensch ohne Geist, Genussmensch ohne Herz

Zum 100. Todestag des Soziologen Max Weber
Gestaltung: Nikolaus Halmer

Max Weber zählt zu den Klassikern der Soziologie, die er "Wirklichkeitswissenschaft" verstand. Weber ortete den entfesselten Kapitalismus als zentralen Faktor, der an der Schwelle des 20. Jahrhunderts die Lebenswirklichkeit der Menschen bestimmte.
Weber befasste sich verstärkt mit den Entstehungsbedingungen des Kapitalismus, die er in der Studie "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" analysierte. Den Ausgangspunkt bildet die Frage, wie es gelingen konnte, dass verschiedene traditionelle Gesellschaften ihre eigenen Wertmaßstäbe zugunsten eines universellen Strebens nach Profitmaximierung aufgaben.

Unter Traditionalismus verstand Weber die Einstellung, "dass der Mensch von Natur aus nicht Geld und mehr Geld verdienen will, sondern einfach so leben mag, wie er es gewöhnt ist, und nur so viel erwerben muss, wie dazu erforderlich ist". Die entscheidende Bruchstelle ortete Weber in der Prädestinationslehre des Genfer Reformators Calvin. Diese Lehre ging davon aus, dass jeder Einzelne von Gott zur Seligkeit oder zur Verdammnis bestimmt ist, wobei sich die Auserwähltheit des zur Seligkeit bestimmten Individuums in einem erfolgreichen Berufsleben zeigt. Erfolgreich ist ein Berufsleben nur dann, wenn man auf den Konsum des erarbeiteten Reichtums verzichtet und immer weiter effizient und zielstrebig arbeitet.

Die asketische Berufsarbeit und die fixe Idee, Gewinn als Kapital wieder zu investieren, sind laut Weber die beiden Grundvoraussetzungen des Kapitalismus. Verbunden war diese Form des Kapitalismus mit einer universalen Rationalisierung, die ein "stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit" schuf, in dem der Einzelne in die Zwangsjacke der Zweckrationalität gesteckt wurde. Unter Rationalisierung verstand Weber den Modernisierungsprozess, der in den vielfältigen Gestalten von Bürokratisierung, Spezialisierung oder Säkularisierung alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrang. Dazu kam noch der Bürokratismus, der für den Soziologen zu jener ,,mechanisierten Versteinerung" führt, die zunehmend den Alltag beherrscht. Diese Faktoren führten zu jener gesellschaftlichen Formation, in der "die Menschen wie die Fellachen im altägyptischen Staat, gezwungen werden, sich ohnmächtig zu fügen".

Dieses "stahlharte Gehäuse" verwandelte die traditionellen Gesellschaftsordnungen bis in ihre Fundamente. Damit endet eine Epoche, in der Kultur und Bildung eine gewisse Rolle spielten. An die Stelle des Kulturmenschen trat der Spezialist - "Ein Berufsmensch ohne Geist, Genussmensch ohne Herz", konstatierte Weber, "dieses Nichts bildet sich ein, die Krone der Schöpfung zu sein."
Ein Salzburger Nachtstudio von Nikolaus Halmer

Service

LITERATURHINWEISE:

Werke von Max Weber:

Die protestantische Ethik und der "Geist" des Kapitalismus; in: Schriften zur Soziologie, Reclam Band 9387

Max Weber: Politik als Beruf, Reclam Band 8833
Sekundärliteratur


Dirk Kaesler: Max Weber. Eine Biographie, C.H. Beck

Volker Kruse/Uwe Barrelmeyer: Max Weber. Eine Einführung, UTB-Verlag

Hans-Peter Müller/Steffen Sigmund (Hrsg): Max Weber Handbuch Leben-Werk-Wirkung, J.B. Metzler

Hans-Peter Müller: Max Weber. Eine Spurensuche, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Band 2317

Smail Rapic: (Hrsg.): Jenseits des Kapitalismus, Verlag Karl Alber
Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebensbild, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)

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