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Radiokolleg - Tanz auf dem Vulkan

Die goldenen 1920er-Jahre (2). Gestaltung: Michael Liensberger, Robert Weichinger, Sabrina Adlbrecht, Thomas Mießgang, Marie-Therese Sekwenz

Politik und Ökonomie

Die Ausgangslage zu Beginn der 1920er-Jahre ist alles andere als rosig. Das Jahrzehnt wird mehr von innenpolitischen Auseinandersetzungen und wirtschaftlicher Not geprägt, als von Zusammenhalt und Aufschwung - auch wenn es Lichtblicke im Bereich der Frauenemanzipation, der Kunst und der Mentalitätsgeschichte gibt. Dennoch wird von den goldenen 20er-Jahren gesprochen. Wie kommt es zu dieser Mythenbildung? Bleiben wir bei den Fakten: Am 30. Oktober 1918 wird der Sozialdemokrat Karl Renner der erste Bundeskanzler der Ersten Republik Österreich. Durch die Friedensverträge von Saint-Germain im Jahre 1919 wird das einstige Großreich zu einem Kleinstaat. Dieser wird von vielen als "nicht überlebensfähig" gesehen. Die Bevölkerung ist durch die Mühen des Ersten Weltkriegs ausgehungert. Die zahlreichen Kriegsheimkehrer sind frustriert und oft traumatisiert. Der Begriff "Demokratie" stellt für die Mehrheit der Bevölkerung ein Fremdwort dar. Zum Problem der Versorgungslage kommt eine Pandemie namens Spanische Grippe. Österreichs politische und ökonomische Verhältnisse stellen sich als äußerst instabil dar. Am 1. Oktober 1920 wird die heute hundertjährige Bundesverfassung von der konstituierenden Nationalversammlung beschlossen. Diese wird vom Verfassungsjuristen Hans Kelsen maßgeblich mitgeprägt.

Die Volksabstimmung in Kärnten im Jahre 1920 und im Burgenland 1921 für den Verbleib bei Österreich fixieren die Außengrenzen. Die Abspaltungsversuche der Bundesländer Vorarlberg, Tirol und Salzburg bleiben ohne politische Konsequenzen. Die junge Demokratie kann sich 1922 durch die Genfer Protokolle stabilisieren. Durch die "Völkerbundanleihe" bekommt Österreich einen Kredit von 650 Millionen Goldkronen zugesprochen. Die Kreditvergabe ist jedoch an Auflagen gebunden. Österreich gelingt es dadurch zwar die Inflation einzudämmen und das Budget zu sanieren, allerdings unter großen Opfern. Es kommt zu einer Währungsabwertung und zu Massenentlassungen. Dadurch verschlechtert sich die Situation der Bevölkerung und somit die politische Lage innerhalb Österreichs. Rund um die Ereignisse des Justizpalastbrandes am 15. Juli 1927 entladen sich die über Jahre aufgebauten Spannungen in bürgerkriegsähnlicher Form. Schlussendlich verschlechtert sich die Situation abermals durch die Folgen des Börsen Crashs am 29. Oktober 1929 in New York. Der Ruf nach einem "starken Mann" wird auch in Österreich immer lauter.
Dieses an sich düstere Bild hindert jedoch die Bevölkerung nicht - nach den Entbehrungen des Weltkriegs - an einer regelrecht zur Schau gestellten Lust am Leben. Zahlreiche Beispiele der 1920er-Jahre zeigen, dass genau in solch instabilen Situationen die Sehnsucht nach einem Ausbruch aus dem Alltag am größten ist. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, bei dem die Menschen wussten, dass er heftig ausfallen muss, weil die Katastrophe nah ist.

Gestaltung: Michael Liensberger, Robert Weichinger

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